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„Architektur wird da interessant, wo sie magisch wird.“ (Massimiliano Fuksas)

Einkaufstempel MyZeil in Frankfurt

Hamburg träumt von der Elbphilharmonie, in Berlin malt man sich die Rekonstruktion des Stadtschlosses aus und in Koblenz erhoffen sich die Einwohner, dass endlich der Schandfleck Zentralplatz verschwindet und dort eine architektonisch hochwertige Shopping Mall entsteht. Seit Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao zum weltweit bekannten Logo für die Stadt wurde, setzt man vielerorts auf Architektur als Brand, um das Stadtmarketing mit solch einem „Bilbao-Effekt“ zu befeuern. Je fantastischer und spektakulärer das Bauwerk, desto größer die Chance, sich im Wettbewerb der Städte um Investorengunst und touristische Attraktivität durchzusetzen.

Als „neues Wahrzeichen von Frankfurt“, so die Oberbürgermeisterin, gilt seit 2009 die futuristisch anmutende Shopping Mall „MyZeil“ von dem bekannten italienischen Architekten Massimiliano Fuksas, der auch den Europark in Salzburg gebaut hat (s. Blogbeitrag  „Stimulanzien“ v. 18.04.10). Das lichtdurchflutetes Bauwerk mit visuellem und ästhetischem Mehrwert, das auf acht Ebenen eine neue Shopping- und Freizeitwelt anbietet, befindet sich in der stark frequentierten Fußgängerzone Zeil.

Wie ein Twister oder eine Trombe ist die ganzflächige Verglasung der Eingangsseite gestaltet und heißt als spektakulärer Blickfang die Kunden willkommen. Im Inneren wird das figurative Motiv eines Tornados in anderer Form, nämlich als Trichter, artikuliert und dynamisiert das träge Medium Architektur. Der Kunde ist überwältigt, allein von der beeindruckenden kathedralartig überwölbten gewaltigen Halle mit ihren verschiedenen Ebenen und dem Blick in den freien Himmelsraum. Die verglaste Dachkonstruktion der 77.000 Quadratmeter umfassenden Flanierlandschaft mutiert zu einem gläsernen Trichter, der als Lichtkanal Tageslicht bis tief ins Innere des Gebäudes bringt.

Innen zeigt jeder Blickwinkel ein anderes Bild. Der einstige Ausruf der russischen Konstruktivisten „Baut Bewegung!“ beflügelte offensichtlich die Phantasie der Architekten. Alles fließt in dem offenen Raumkontinuum mit der kommerzialisierten Abfolge von Läden, Restaurants, Bars, Fitnessstudios, etc. Räume, Treppen und Etagen werden in einem Kontinuum von Ebenen aufgelöst. In diesem grandiosen Kaleidoskop jagen fortwährend die Raumerlebnisse einander.

MyZeil scheint mehr zu sein als bloß gefällige Kommerzarchitektur und Abschreibungsobjekt. Angesichts einer sich verändernden Gesellschaft mit neuen kollektiven Ritualen und Freizeitbeschäftigungen wird das Einkaufscenter zum Erlebnis-, Versammlungs- und Kommunikationsraum. Es handelt sich – ganz abgesehen vom Superlativ der bautechnischen Leistung – um ein genuin neues Konzept eines Einkaufszentrums mit unterschiedlichen Themenwelten, das gleichzeitig auch die Baukultur der Stadt symbolisiert. Der Begriff Einkaufstempel erscheint mir für die Nobilitierung dieser Nutzarchitektur nicht zu hoch gegriffen.

Prof. Henner Herrmanns

4 Kommentare zu “Architekturgestaltung

  1. Was soll dieser Artikel in Bezug auf Koblenz suggerieren?
    Wer sich mit der Konzeption des Ensembles, das auf dem Zentralplatz entstehen soll aus architektonischer und aus städteplanerischer Sicht befasst, stellt schnell fest, das hier eine als überwunden geglaubte Konzeption ihre Auferstehung feiert. Allein die verkehrliche Einbettung wiederholt die Fehler des letzten Jahrhunderts. Liegt die Zukunft des urbanen Erlebens wirklich in den Fortführungen der Architekturansätze der 60-er und 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Sollte sich Old-Europe nicht auf seine urbanen Stärken aus einer langfristigen Entwicklung ziehen? Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Wer definiert denn das Bedürfnis der Nutzer und transportiert dieses in die Umsetzung? Gerade die Planung Zentralplatz ist Anschauungsobjekt, wenn es um die Frage einer ganzheitlichen Innenstadtplanung geht. Die Zeil in Frankfurt und die Frankfurter Innenstadt stehen und fallen nicht mit MyZeil. Für Koblenz ist der Zentralplatz insgesamt prägend und daher umfassender und anspruchsvoll zu lösen. Die federführenden Architekten haben sich dem Diktat der Flächenoptimierung des Shoppinginvestors beugen müssen und die Stadt war selbst willenlos. Stadtplanung setzt aber eine eigene Zielformulierung voraus. Auf die Schnelle ist ersichtlich, dass Koblenz für ein spannendes Symposium viel Stoff bietet.

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