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Neue_Staatsgalerie_Fassade
Die Londoner Times lobte ihn seinerzeit als einen der drei besten lebenden Architekten. Heute würde James Stirling seinen 91. Geburtstag begehen. Er starb bereits 1992 im Alter von 66 Jahren.

Als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte er uns in seiner Architekturklasse zu Anfang der 80er Jahre eine „sprechende Baukunst“. Er vermittelte, obwohl ursprünglich Corbusier-Adept, dass der architektonische Purismus der Moderne mittlerweile überholt sei. Stattdessen brachte Stirling den formalen Reichtum der Baugeschichte wieder ins Spiel. Seine damals gerade im Bau befindliche Neue Staatsgalerie in Stuttgart untermauerte seine Auffassung, dass ein Architektur-Entwurf nicht bloß eine neutrale Hülle für bestimmte Funktionen sein dürfe. Vielmehr müsse Architektur „ausdrucksvoll und repräsentativ“ sein. Entwerfen sei eine Art des Collagierens und – heute würde man sagen – des Storytellings.

So zitiert er bei seiner Neuen Staatsgalerie Schinkels Altes Museum in Berlin, um auf den Typ des Kunstmuseums anzuspielen, das als paradigmatisches Beispiel gilt. In diesem Bau persifliert er die abendländische Baugeschichte vom Klassizismus und seine Rückbesinnung auf die klassischen Epochen bis hin zum russisch-sowjetischen Konstruktivismus. Mit seiner schöpferischen, metaphorischen Architektursprache hat er den Funktionalismus der Moderne mit geradezu barocker Gestaltungsfreude erweitert.

Auch bei dem gewonnenen Wettbewerb für das Wissenschaftszentrum in Berlin demonstrierte seine in der Lehre vertretene Auffassung, dass die schlichte Bürokiste obsolet war. Aus elementaren Formen wie Halbkreis, Kreuz und Quadrat, etc. generierte er fantasievoll historisierende Bautypen: das antike Amphitheater, die romanische Basilika, das normannische Kastell, die italienische Campanile und die griechische Stoa.

Wir lernten bei Big Jim, wie er genannt wurde, den Umgang mit Raum, Raumfolgen, Raumverknüpfungen, Wege zu gestalten, über Treppen und Rampen. Wir haben gezeichnet, unaufhörlich! – Ein ganzes Berufsleben hat mich geprägt, was ich von James Stirling lernen durfte.

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2 Kommentare zu “The Late James Stirling

  1. Alexander Offergeld via Facebook:
    „Wenn die Stuttgarter Staatsgalerie nicht postmodern ist, was ist dann postmodern?“

    Henner Herrmanns: In meinem Post v. 31.10.11 hatte ich bereits geschrieben: „Mit diesem Bauwerk hat Stirling die Postmoderne ins Leben gerufen, auch wenn er selbst diesen Begriff ablehnte.“

    Gerade seine manieristische Architektur beinhaltet das postmoderne Kriterium des Zitierens: die Rotunde von Schinkel; der dort platzierte Portikus von Weinbrenner, die Rampen und Balkons von LeCorbusier, der gesamte Verwaltungsbau ist eine Persiflage (LeCorbusiers Doppelhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung) die beiden riesigen, grün und blauen Entlüftungen vom Centre Pompidou, usw.

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  2. Otto Geberzahn via Facebook:
    „Der oft geprügelte Charles Jencks schrieb noch von „Spätmoderner Architektur“ und von „Postmoderner Architektur“. wobei er der Postmodernen eine Art Doppelkodierung – für Fachleute und für das Publikum – zugestand.“

    Henner Herrmanns: Doppelkodierung ist nach Charles Jencks u. a. ein Wesensmerkmal guter Architektur. So besitzt Stirlings Stuttgarter Museumsbau tatsächlich neben der sichtbaren Form (Größe, Textur, Farbe, etc.) symbolische Gehalte, deren Decodierung natürlich ein bestimmtes Wissen voraussetzt. Diese zweite geistige Ebene lässt sich nicht allein durch die visuelle Anschauung des Objektes erschließen. D. h. auch Baukunst erschließt sich dem Betrachter erst durch die aktive Interpretation (genau so wie bei der Rezeption von Kunstwerken). Mit den Kenntnissen der Baugeschichte wird dem Betrachter bewusst, dass die Neue Staatsgalerie nicht nur ein Gebäude ist, das klassische und moderne Kunst speichert, sondern selbst eine Architektur-Assemblage verkörpert durch das Collagieren historischer Versatzstücke mit dem modernen Formenvokabular der funktionalistischen Architektur (Stahlkonstruktionen, Sichtbeton, geschwungene Baukörper, etc.).

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