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Herr Herrmanns, die Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge steigt. Die Flüchtlingskrise wird zu einer Unterbringungskrise. Was können Sie als Architekturprofessor leisten, um die Probleme zu lösen?

Die einkommensschwachen Haushalte haben große Probleme, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Der Zuzug der Flüchtlinge erhöht den Bedarf enorm. Die jetzige Art der Massenunterbringung ist jedoch räumlich und funktional das Gegenteil von dem, was man „Willkommenskultur“ nennen kann, und weicht den architektonischen und urbanistischen Herausforderungen aus. Ich habe mich als Hochschullehrer und Architekt mit dem Thema befasst und mich und meine Studenten/innen gefragt: Welchen Beitrag kann die Architektur leisten? Wie sollen dauerhaft bleibeberechtigte Flüchtlinge untergebracht werden? Welche Konzepte können helfen Bauen + Wohnen für alle günstiger zu machen? Welche Standards könnte man reduzieren? Ausgehend von diesen Fragen haben wir Konzepte entwickelt, die helfen sollen, die angesprochene Problematik in diesem Sinne zu lösen.

Was wollen Sie und Ihre Studenten bewirken? Was muss eine flüchtlingsfreundliche Architektur in erster Linie erfüllen?

Die Art der Unterbringung bildet ja nicht nur ab, wie Flüchtlinge gesellschaftlich behandelt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Containerdörfer und Zeltstädte schließlich auch das Bild der Stadt beschädigen. Also auch im ureigenen Interesse plädieren wir für gut gestaltete Wohnbauten. Mit der Präsentation der studentischen Entwürfe in der Ausstellung „Flucht nach vorn“ wollen wir die in den letzten Monaten gewonnenen Erkenntnisse mit Interessensvertretern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutieren und konkrete Projekte für bezahlbares Wohnen auf den Weg bringen. Gemäß der Devise „Wohnen darf nicht zum Luxus werden“ haben unsere Architektur-Studenten/innen Lösungsvorschläge für bezahlbaren, auf dem Gedanken des Seriellen basierenden, innovativen Wohnungsbaus ausgearbeitet, die auf dem angespannten Wohnungsmarkt so dringend gebraucht werden – wie wir alle wissen – nicht nur für Flüchtlinge.

Und was kostet das alles? Ist ein Holzhaus günstiger als ein „normales“ Haus? Und warum ist der Holzbau in Ihren Augen ideal dafür?

Um die Voraussetzungen für bezahlbare Wohnungen und Mieträume zu schaffen, sehen die Entwürfe die Etablierung modularer, serieller Bauweisen, insbesondere unter Verwendung des regionalen Baustoffs Holz vor. Ein Pluspunkt für Holz ist, dass bei diesem Baustoff, gerade in Rheinland-Pfalz, lange Transportwege entfallen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Wand- und Deckenelemente präfabriziert werden. Die Vorfertigung spart nicht nur Zeit, sondern auch Kosten. Holz ist wirtschaftlich und schön zugleich. Tatsache ist, dass Holz-Konstruktionen aufgrund des hohen Vorfertigungsgrads eine schnelle, effiziente und ökonomische Bauabwicklung ermöglichen. Zudem gibt Holz dem Prinzip der Nachhaltigkeit Gestalt. Genannt seien die ausgezeichneten Dämmeigenschaften, das gute Raumklima und die angenehme Atmosphäre. Sie wissen ja: Wood is good.

Wie steht es um den Brandschutz?

Das Risiko, dass ein Brand entsteht, steigt nicht durch die Verwendung eines brennbaren Baustoffes, sondern durch die Sorglosigkeit der Nutzer. Natürlich sind feuerhemmende Bauteile integraler Bestandteil der Baukonstruktion. Das Problem der Brandstiftungen jedoch ist ein gesellschaftliches, kein architektonisches. Der Holzbau stellt auf jeden Fall eine Alternative zum problematischen WDVS (Wärmedämmverbundsystem) dar.

Zeltstädte, Turnhallen oder Baracken, viele Flüchtlingsunterkünfte heute haben provisorischen Charakter, so als könnte man sie in ein paar Monaten wieder abbauen, wenn sich das Flüchtlingsthema erledigt hat. Aber das wird sich ja vermutlich nicht so schnell erledigen. Sind Ihre Wohnmodelle und die Ihrer Studenten auf eine längerfristige Nutzung angelegt?

Die Entwurfsaufgabe verlangte in erster Linie Wohnungen für Menschen, die länger oder für immer bleiben dürfen, also für solche mit Aufenthaltserlaubnis nach Zuerkennung der Asylberechtigung. Da aber ja auch Wohnungen für andere Zielgruppen wie sozialhilfebedürftige Familien, Alleinerziehende und Rentner fehlen, stellen unsere Lösungen Wohnangebote für unterschiedliche Zielgruppen dar.

Wie reagiert die Politik auf Ihre Vorschläge? Müssen sich die Bauvorschriften ändern, um Ihre Pläne realisieren zu können?

Bauvorschriften sind natürlich oft ein Hemmnis für das sog. experimentelle Bauen. Ich bin jedoch der Auffassung, dass bestimmte Areale sich verändern und entwickeln müssen, um nunmehr für die neuen Mitbürger/innen beispielsweise als Wohnort, Versammlungsort oder Lernort dienen zu können. Auf jeden Fall muss der herkömmliche Rahmen mit innovativen Ansätzen erweitert werden. Zusätzlich könnte man natürlich die Bauvorschriften auf ihre Notwendigkeit  prüfen. Oft hat man das Gefühl, dass unsere Zivilgesellschaft an der Reglementierungswut zu ersticken droht.

Gebäude wie Sie Ihnen vorschweben benötigen Platz. Aber freie Flächen in den Städten sind rar und teuer. Wohin also mit den Unterkünften?

Um den hohen Grundstückspreisen auszuweichen, wird beispielsweise der Bau von „Floating Houses“ auf Flüssen und Seen vorgeschlagen. Diese Idee wird aber wohl kaum genehmigungsfähig sein, zeigt aber trotzdem, wo es noch Potenziale geben könnte.

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Ich selbst hatte die Idee, PKW-Stellplatze mit aufgeständerten Holzbauten zu überbauen bei gleichzeitiger Fortführung der Nutzung als Parkplatz. Die Möglichkeit, geeignete Flächen aus bestimmten Zonen zu generieren, ist unabdingbar. Es gibt aber nicht nur eine adäquate Lösung. Baulücken könnten mit Implantaten versehen werden. Leer stehende Bürobauten könnten umgebaut werden. Flachdächer könnten mit Rooftops aufgestockt werden. Dies ist mit Holz problemlos realisierbar. Denn eine weitere positive Eigenschaft von Holz als Baustoff ist das geringe Eigengewicht.

Warum glauben Sie, dass gute Architektur auch bei der Integration und Akzeptanz von Flüchtlingen eine Rolle spielen kann?

Nicht nur ein Dach über den Kopf, sondern Konzepte für das Zusammenleben zu entwickeln, ist die Herausforderung, um eine wachsende einkommensschwache Schicht zu integrieren. Auch wenn jetzt hunderttausende Wohnungen fehlen und schnelle sowie kostengünstige Lösungen gefragt sind, sollten diese unter Beibehaltung baulicher, wirtschaftlicher und gestalterischer Qualitäten für eine langfristige Nutzung entwickelt werden. Containersiedlungen sind nicht die Lösung. Es ist der falsche Weg, Wohneinheiten zu schaffen, die man in vier bis fünf Jahren wieder entsorgen muss. Was heute gebaut wird, bleibt uns über Jahrzehnte erhalten und prägt über einen langen Zeitraum unseren Lebensraum. Die vielbeschworenen Integration der Migranten hängt stark davon ab, dass die Unterkünfte nicht als Endstationen gescheiterter Hoffnungen aufgefasst werden. Funktional sind die Container, die überall aufgestellt wurden, das bauliche Pendant zur Kombizange. Sie sind für alles gut, aber nicht wirklich gut im Gebrauch. Und die Erfahrung zeigt, dass Architektur durchaus als Identifikationsanker wirken kann. Missglückt sie jedoch, wird sie zur Aporie, zum sozialen Brennpunkt und zur Brutstätte für Kriminalität und Extremismus. Damit die Migration in die Stadt kein Zivilisationsübel wird, sehen einige studentische Entwurfsvorschläge z. B. die Möglichkeit des stufenweisen Weiterbauens eines Grundelements vor. Eine andere Idee ist, den Wohneinheiten ein kleines Gartengrundstück zuzuordnen. Die Idee dahinter ist, den entwurzelten, neuen Bewohnern die Möglichkeit zu geben, sich zu „erden“ und damit eine direkte Identifikation mit dem Ort zu schaffen. So soll die Möglichkeit eröffnet werden, sich selbst zu versorgen, nach der Devise: „Das Land, welches ich beackere, bringe ich zur Blüte“.

Ein Kommentar zu “Interview

  1. Als Biennale-Beitrag werden im Deutschen Pavillon vom 28. Mai bis zum 27. Nov. 2016 in Venedig unter dem Titel „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ Vorschläge zur Unterbringung von Flüchtlingen präsentiert. 32 beispielhafte Projekte wurden vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) als Kurator des deutschen Beitrags in einer Datenbank zusammengestellt. Als rheinland-pfälzisches Musterprojekt für Flüchtlinge wurde der Vorschlag für die Überbauung von Parkplätzen in Holzmodulbauweise (Herrmanns Architekten) aufgenommen. Hier der Link:
    http://www.makingheimat.de

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