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Frank lloyd Wright: Residenz in Oak Park – ©tchoban-foundation

SKIZZEN – Über die Kulturgeschichte einer elementaren Technik

Im Magazin aface 022015 ist von Frau Dr. Eva Tenzer folgender Artikel  erschienen:

Von der Idee zum Werk

Ohne Skizzen wären wohl viele Meisterwerke der Menschheit nie entstanden, ob in Kunst und Architektur, in Literatur oder im Maschinenbau: Immer ist die Skizze der Drehpunkt, an dem sich Kreativität und Materialität verbinden, an dem die Idee in die gestaltete Wirklichkeit der Dinge übergeht. Kleine Kulturgeschichte einer elementaren Übergangstechnik

Zum Glück bieten nicht alle Restaurants ihren Gästen Stoffservietten. Denn ohne Servietten aus Papier hätten viele Meisterwerke nie das Licht der Welt erblickt. Die sprichwörtliche Serviette eignet sich nämlich bestens, um einen Gedankenblitz festzuhalten. So geschehen etwa 1919 bei einem Essen von Max Reinhardt und Hans Poelzig. Im angeregten Gespräch skizzierte der Architekt seine Ideen für die Fassadengestaltung des Berliner Schauspielhauses auf eine Papierserviette und kam schon in dieser ersten kleinen Zeichnung der späteren Realisierung sehr nahe. Er hinterließ Tausende von Skizzen, nicht nur für Gebäude, auch für Bühnenbilder und Filmarchitekturen, etwa den Stummfilmklassiker „Der Golem“. Walter Benjamin skizzierte seine komplexen Werke auf Reklamezetteln und den Rechnungsblöcken von Kellnern. Zaha Hadids abstrakte hochästhetische Skizzen hängen im New Yorker MoMA. Als unangefochtener Meister der genialen Skizze freilich gilt Leonardo da Vinci, der Entwürfe für Maschinen und Apparate von enormem künstlerischem Wert schuf. Wie bei Hadid ist hier bereits die Skizze selbst Kunst.

Dass schon ersten Skizzen bei aller Einfachheit nicht selten Geniales innewohnt, wusste bereits Goethe: „Eine solche Skizze braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und vollendet zu sein, wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres ausgeführtes Werk.“ Die Skizze ist intuitiv, zwar vorläufig, nur ein erster Entwurf, ein Konzept, das im Idealfall allerdings bereits die Essenz, das Einmalige und Unverwechselbare der Idee und des späteren Werks enthält. Formal und stilistisch sind Skizzen zwar nicht zu Ende gedacht, bieten aber dennoch bereits enormes Potenzial als unmittelbarer Ausdruck und schnelle Gedächtnisstütze, auf die man später zurückgreifen kann. Skizzenbücher, Skizzenpapier-Rollen oder ein x-beliebiger herumliegender Zettel reichen, um einen Geistesblitz erstmals zu konkretisieren. Schriftsteller entwerfen in Skizzen ein Handlungsgerüst, die vorläufige Fassung einer Geschichte. Architekten entwickeln Ideen, die sie anhand der ersten Zeichnungen später konkretisieren, Auftraggebern mitteilen und präsentieren. Die Skizze – und das ist ihr charmanter Vorteil – ist nicht an Regeln oder Konventionen gebunden. Aus Hadids Entwürfen etwa erschließt sich der konkrete Entwurf meist noch gar nicht.

Der kürzeste Weg geht vom Hirn über die Hand aufs Papier. Und noch vor einer Generation gehörte das Zeichnen ganz selbstverständlich zur Architektenausbildung. Doch moderne CAD-Programme haben die zeichnerische Skizze weitgehend abgelöst. Ob Einkaufszentrum oder Design-Lampe, Fassade oder Siedlung – Kreatives kann ohne eine einzige handgefertigte Skizze entstehen. Auch Ingenieure, Designer, selbst Komponisten können auf spezielle Computerprogramme zurückgreifen, anstatt Noten und Formen auf Papier zu bringen. Es gibt inzwischen sogar Grafikprogramme, die PC-Entwürfen die Anmutung einer Handskizze verleihen. Schade eigentlich, denn es gibt gute Gründe fürs Handskizzieren.

„Wer Schönes schaffen will, muss zeichnen können“, ist Henner Herrmanns, Architekt und Professor am Fachbereich Architektur der Hochschule Koblenz, überzeugt. „In einer manuellen Entwurfszeichnung spiegelt sich die Kreativität des Augenblicks unmittelbar wider, der spontan entstandene Strich des Entwerfers, der seiner Eingebung folgt, seine ganz persönliche Handschrift. Zeichnen war zu allen Zeiten ein obligatorisches Fach in der Ausbildung zum Architekten. Wer heute glaubt, das Studium geht auch ohne Freihandzeichnen, irrt. Das freie Zeichnen gehört ganz einfach zum Handwerkszeug.“

Auch Hadid lobt die Skizze als Linse, die noch nicht wahrnehmbare Aspekte sichtbar macht, als Methode, um zu verstehen, wie Dinge sich ändern und entwickeln können und um Möglichkeiten zu zeigen, wie und was etwas werden kann. Natürlich ist auch die beste Skizze kein Garant für ein gelungenes Werk, auch das wusste Goethe: „Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt selbst den Besten nicht immer.“ Aber sie ist uns bleibt Ausgangspunkt des Ganzen.

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©Galerie Bassenge, Berlin

Die Papierserviette mit Poelzigs spontan hingeworfener Skizze wurde übrigens 2014 bei einer Auktion in Berlin versteigert – für 5500 Euro.

Ein Kommentar zu “Mit Bleistift und Papier

  1. Pingback: Architekten müssen zeichnen können | ARCH BLOG

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