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Foto Grönertaus KSTA, Foto Grönert: Kölner Dom

Sehr geehrter Herr Ehrenberg,

durch einen ehemaligen Studenten habe ich gestern erst von Ihrem Leserbrief vom 31.01.15 auf mein Interview in der „Rheinpfalz“ vom 29.12.14 erfahren. Ich hätte früher antworten können, hätten Sie mich davon informiert, schließlich kennen wir uns doch persönlich und sind im Besitz unserer gegenseitigen Email-Adressen. Ich freue mich darüber, dass Sie zur Diskussion beitragen und möchte zu Ihrem Einwurf wie folgt Stellung nehmen:

1. Ihrer in meinen Augen erstaunlichen Auffassung, dass Wassertürme, Shopping-Malls und Fußballstadien in gleichem Maße wie christliche Kirchen signifikante Symbole im Stadtbild darstellen, muss man entschieden widersprechen. Es mag Ihrer Sichtweise als Landschaftsplaner geschuldet sein, wenn Sie hier den Unterschied nicht erkennen. Vielleicht ersetzen Sie einmal vor Ihrem geistigen Auge eine kleine bayerische Barockkirche durch einen Wasserturm. Ein Kirchengebäude besitzt in der Regel eine Abstrahlung, eine Aura. Ganz zu schweigen von der emotionalen Verbundenheit, die die Menschen mit ihrer Kirche durch sakrale und spirituelle Erfahrungen haben. Ein Funktionsbau wie ein Wasserturm kann da nur schwer mithalten.

Als erhellendes Beispiel dafür, wie wichtig den Menschen hier in Deutschland Kirchengebäude im Stadtbild sind, kann die Frauenkirche in Dresden dienen. Mit ungeheurem Aufwand wurde diese im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche wiederaufgebaut, und dies in einer Stadt, die durch ihre politische Vergangenheit nicht gerade eine Hochburg des Christentums darstellt. Vielleicht sehen Sie jetzt auch, was unter „Mitte“ verstanden wird, denn die Dresdner hatten durch die Zerstörung ihre Mitte verloren.

2. Ich muss Ihrer Aussage, dass man der Kirche freistellen müsste, „…mit der Immobilie wirtschaftlich zu verfahren, wenn die Menschen und die Gemeinden nicht mehr bestehen…“ widersprechen. Würde man Ihrer Argumentation folgen, könnte man in Rom – um ein prägnantes Beispiel zu nennen – in jeder Straße ein Kirchengebäude abreißen, denn auch dort werden in zahlreichen Kirchen keine Gottesdienste mehr gefeiert, aber die Kirchengebäude definieren zum größten Teil das Straßen- und Stadtbild.

3. „Tätige Fürsorge, Verkündigung und liturgische Feier“ sollten als selbstverständliche Bestandteile des christlichen Glaubens im Mittelpunkt stehen. Nichtsdestotrotz benötigt die Kirche Gotteshäuser um ihren Aufgaben nachzukommen. Das eine schließt das andere nicht aus und ist, wie es den Anschein hat, gut möglich. Erst diese Woche wurde bekanntgegeben, dass allein das Erzbistum Köln ein Vermögen von mehreren Milliarden Euro besitzt.

4. Sie verlangen, dass die Gesellschaft und nicht die Kirche den Erhalt der Kirchen subventionieren soll. Dies geschieht ja bereits in großem Umfang. Dennoch kann die Kirche das Problem natürlich nicht von sich schieben. Sie sollte vielmehr endlich erkennen, dass die Aufgabe von Tausenden von Kirchen einer Kapitulation gleichkommt. Umnutzung oder Abriss führen dazu, dass immer mehr Menschen die Kirche verlassen, da der Niedergang der Kirche deutlich sichtbar wird. Wenn die Gotteshäuser nicht mehr zur Verfügung stehen, tritt eine Autosäkularisierung ein. (Siehe hierzu auch Detlef Pollack in „Säkularisierung – Ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland.)

5. Ihre Argumentation ist bedauerlicherweise eine rein ökonomische. Als wüssten wir nicht alle, wie viel städtebauliche Zerstörung die ausschließliche Fokussierung auf Wirtschaftlichkeit bereits gebracht hat. Nein, Architektur ist erwiesenermaßen mehr als bloße Funktionserfüllung unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit. Hätte die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten die Wirtschaftlichkeit so in den Vordergrund gestellt, könnten wir uns heute nicht an den großartigen Kathedralen, die den christlichen Glauben repräsentieren, erfreuen. Auch wenn Sie, sehr geehrter Herr Ehrenberg, die Freude daran, als „Kulturchristentum“ bezeichnen und somit herabsetzen.

Es hat mich gefreut, mit Ihnen in Austausch zu treten, auch wenn wir kontroverser Auffassung sind.

Mit freundlichen Grüßen, Henner Herrmanns

Die Rheinpfalz v. 29.12.14

Leserbrief v. H.-J. Ehrenberg v. 31.01.15

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