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Die Rheinpfalz v. 29.12.14

Hier ein Artikel zur Zukunft unserer Kirchengebäude in der Tagespresse Die Rheinpfalz.

Rebecca Ditt (Die Rheinpfalz) hat 10 Fragen gestellt und hier meine Antworten:

1. Wann hat das Kirchensterben in Deutschland eingesetzt?
Angefangen hat das Kirchensterben in Westdeutschland in den 90er Jahren. Als wir –
die Universität und die Hochschule Koblenz – 2006 ein Baukolloquium zum Thema
Kirchensterben organisiert haben, war das Problem bereits eklatant. Hierzu haben
wir seinerzeit das Buch herausgegeben: „Das letzte Abendmahl –
Umnutzung, Verkauf und Abriss von Kirchengebäuden in Deutschland“.
2. Bezieht sich das Kirchensterben überwiegend auf die Gebäude, die nach dem
Weltkrieg erbaut wurden?
Obwohl sich das Kirchensterben auf alle christlichen Sakralbauten bezieht, sind es
fast ausschließlich Nachkriegskirchen, die abgerissen werden. Grund ist deren
mangelnde Akzeptanz in den Gemeinden. Die Menschen können oftmals zu den
modernen Kirchenbauten keine Bindung herstellen und trennen sich daher leichteren
Herzens davon. Meines Wissens ist bisher noch keine romanische, gotische oder
barocke Kirche abgerissen, wohl aber umgenutzt worden. Das Bistum Trier
beispielsweise nutzt seit langem die im gotischen Stil erbaute Kirche St. Maximin als
Turnhalle und für kulturelle Veranstaltungen.
3. Haben andere europäische Länder ein ähnliches Problem?
In anderen Ländern gibt es das gleiche Problem. In den Niederlanden z. B. standen
Kirchen oft lange leer und sind mittlerweile umgenutzt worden zu Restaurants,
Hotels, Buchläden, etc. So war z. B. das Kruisherenhotel in Maastricht eine gotische
Kirche.
4. Kann man ein Kirchengebäude Ihrer Ansicht nach nur als Immobilie betrachten oder
hat die Institution Kirche auch eine moralische Verpflichtung, die man nicht nur unter
rein wirtschaftlichen Aspekten betrachten kann?
Nach dem geltenden Kodex des kanonischen Rechts (Kanon 222, § 1 und Kanon
1254, § 2) gehört die Erhaltung von Kirchen zu den wichtigsten Aufgaben der
katholischen Kirche.
Die Tatsache, dass der christliche Glaube in unserer permissiven, agnostischen Zeit
immer mehr an Bedeutung verliert, zeigt sich überdeutlich an der Schließung der
Gotteshäuser, die nicht mehr genutzt werden. Die Kirchen kommen m. E. ihrer
moralischen Verpflichtung nicht nach, die Kirchengebäude zu erhalten. Tatsächlich
will die Kirche Ihre Gotteshäuser einfach nur schnell loswerden. Zum Glück sind die
großartigen Kathedralen in Köln, Regensburg, Bamberg oder Hildesheim unter
staatliche Fürsorge gestellt worden. Kirchen stellen mehr dar als materieller Wert und
konvertible Verfügungsmasse einer Glaubens-Körperschaft.
Es ist auf jeden Fall ein Fehler, Kirchen aufzugeben, die nicht mehr so häufig genutzt
werden. Sie wirken nicht nur als starkes Branding für das Christentum in unseren
Städten und Dörfern, sondern dienen darüber hinaus als baugeschichtliche
Zeugnisse.
5. Wie bemisst man den Wert einer Kirche?
Die Kirche läuft Gefahr, aufgrund des sinkenden Kirchenbesuchs und
aktueller und mittelfristiger finanzieller Einbrüche im Kirchensteueraufkommen
Kirchen zu behandeln wie gewöhnliche Immobilien, ihre Unterhaltung kleinlich
zu bemessen nach Hauptnutzfläche, umbautem Raum und
Nutzungsintensität. Dabei wird offensichtlich vergessen, dass eine Kirche als
Gotteshaus erbaut wurde.
Erfahrungsgemäß wird der Wert einer Kirche unter ökonomischen Gesichtspunkten
wie folgt berechnet: Grundstückskosten minus Abrisskosten. Das ist fatal, denn ihr
Wert lässt sich eben nicht nach marktwirtschaftlichen Maßstäben berechnen. Kirchen
sind durch ihre Funktion einer auf Wirtschaftlichkeit reduzierten Bewertung entzogen
und unterscheiden sich somit von profanen Immobilien.
6. Welche Folgen hat es für die Stadtplanung, wenn eine Kirche umgenutzt oder gar
abgerissen wird?
Der Abriss einer Kirche hat fatale Folgen, weil man dadurch den „Verlust der Mitte“
beklagen muss. Kirchen gehören zu den signifikanten Symbolen im Stadtbild. Bei
einer Umnutzung zerstört man die Konnotation, d. h. wenn Kirche draufsteht, müsste
Kirche drin sein. Ist es nicht so, führt dies zur Verunsicherung in der Wahrnehmung.
7. Welche Folgen hat es im Hinblick auf die Kulturgeschichte einer Kommune?
Immerhin sind die Gebäude ja auch Zeugnis einer bestimmten Epoche.
Natürlich muss man die baukulturellen Zeugnisse bewahren, wie wir es mit
denkmalgeschützten Objekten ganz selbstverständlich handhaben. Sie sind
wertvolles Kulturgut. Gerade Kirchen sind diejenigen Objekte, an denen sich
das kulturelle Selbstverständnis der jeweiligen Zeit beispielhaft ablesen lässt.
8. Verlieren wir Ihrer Ansicht nach unsere christliche Identität, wenn immer mehr
Kirchengebäude profaniert werden?
Kirchen sind Identifikationsanker in unserer konvivialistischen Gesellschaft. Es ist auch ein Ergebnis
der Eliminierung unserer Kirchen, dass viele Menschen sich unwohl und fremd in
ihren Städten fühlen und diffuse Ängste verspüren.
9. Wenn Sie auf die Fälle schauen, mit denen Sie sich beschäftigt haben: Haben die
Protestanten ein anderes Verhältnis zu ihren Kirchengebäuden als die Katholiken?
Sie hatten in einem früheren Vortrag einmal gesagt, dass Luther der Ansicht war,
man könne in einem Schweinestall auch einen Gottesdienst feiern.
Die Protestanten haben das gleiche Problem wie die Katholiken. Beide großen
Kirchen begründen die Aufgabe von Gotteshäusern mit der demografischen
Entwicklung, rückläufigen Gottesdienstbesuchern, Säkularisierungsdruck in der
Gesellschaft und den großen finanziellen Lasten bei gleichzeitigen rückläufigen
Kirchensteuereinnahmen.
Zwar muss bei der Aufgabe einer protestantischen Kirche, nicht der Akt der
Profanierung vorgenommen werden, sie haben aber die gleichen Auflagen beim
Verkauf der Gotteshäuser.
10. In Speyer stehen aktuell zwei Kirchengebäude zum Verkauf: eine protestantische,
eine katholische. Eine erste Idee der Stadt ist es, daraus ein Kulturzentrum zu
machen. Ist das Ihrer Ansicht nach eine „schonende“ und sinnvolle Nachnutzung?
Sie haben ja schon einige Fälle von Nachnutzungen betrachtet.
Kirchen als Kulturzentren o. ä. umzunutzen, ist sicher eine der besseren
Möglichkeiten der Nachnutzung, wenn man sich auch fragt, ob wir so viele
Kulturzentren benötigen, wie zur Zeit geplant werden. (Auch viele Kasernen,
Fabriken, Schlachthöfe, etc. werden augenblicklich zu Kulturzentren umgeplant.)
Eine Rechnung aufzustellen, wieviele Menschen ein Gebäude nutzen, ist in diesem
Zusammenhang eigentlich der falsche Ansatz. Denn sakrale Gebäude wie z. B. der
Speyerer Dom waren zu keiner Zeit voll besetzt. Zu der Entstehungszeit gab es nur
wenige Kirchgänger in der spärlich besiedelten Umgebung. Kirchen wurden „ad
maiorem gloriam Dei“, zur Verehrung Gottes, gebaut.
Grundsätzlich kann man sagen: Bei Kirchenbauten ist die Form sehr speziell
auf den Inhalt abgestimmt. Wird eine profane Nutzung in ein Kirchengebäude
integriert, entsteht fast immer ein Missverhältnis von Form und Inhalt, das
jeder Laie sofort auch so empfindet. Gerade eine Umnutzung, Teilumnutzung
oder Verwertung bedarf besonderer Sorgfalt und Kreativität der Planer.

5 Kommentare zu “Kirchen sterben

  1. Pingback: Kirchen als Branding | ARCH BLOG

  2. Das europäische Netzwerk zum Erhalt von Sakralbauten (FRH) hat vor einem massiven Verlust von Kirchen und Synagogen gewarnt. Sie würden zunehmend „für andere Zwecke benutzt oder gar abgebrochen“.
    „Heute geschieht dies fast lawinenartig in den Niederlanden und zunehmend auch in Belgien“, betonte der Dachverband. Auch in Frankreich habe der Staat immer mehr Probleme mit den vor 1905 erbauten Kirchen und Kapellen, zu deren Erhalt er sich verpflichtet hat. In Deutschland seien vor allem moderne katholische Kirchenbauten „von Aufgabe, Schließung und Abbruch bedroht“. In den früher kommunistisch regierten Ländern drohten besonders die Dorfkirchen zu verfallen.
    Quelle: katholisch.de

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  3. Guten Tag Herr Professor Herrmanns,
    ich wollte Ihnen mal eine kurze Rückmeldung zum erschienenen Interview geben. Einige Gruppen, aber auch Einzelpersonen haben uns geschrieben und sich durch das Interview ermutigt gefühlt sich noch einmal mit dem Prozess des Verkaufs der katholischen Kirche St. Ludwig hier in Speyer auseinanderzusetzen. Sie haben unserem Bischof Wiesemann einige Briefe geschrieben – mit konstruktiven Vorschlägen. Nun entsteht langsam ein öffentlicher Dialog.
    Dachte, das freut Sie vielleicht zu hören.
    Schöne Grüße
    Rebecca Ditt

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  4. Pingback: Abbruch | ARCH BLOG

  5. Pingback: Wie bemisst man den Wert einer Kirche? | ARCH BLOG

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