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In der Progromnacht am 10. November 1938 sind deutschlandweit Synagogen von den Nazis zerstört worden. Die Bauten waren Teil der deutschen (Bau)Kultur. Auch in Koblenz verlor die jüdische Gemeinde in jener Nacht ihre Synagoge, die sich im Gebäudeensemble des Bürresheimer Hofs befand. Seither wird eine umgebaute Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof als Synagoge benutzt. Mit einem Synagogen-Neubau könnte auch in Koblenz – wie in vielen anderen deutschen Städten – der kulturelle Verlust wieder gutgemacht werden.

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Zur Synagoge umgebaute ehemalige Trauerhalle

Die Befürworter eines Synagogen-Neubaus in Koblenz wünschen, dass die Stadt ein innerstädtisches Grundstück zur Verfügung stellt und haben mich als Architekturprofessor an der Hochschule Koblenz gebeten, unseren Studierenden diese Aufgabe zu stellen.

Für unsere ArchitekturstudentInnen stellte die Entwurfsaufgabe eine interessante Herausforderung dar, galt es doch sich in eine fremde Religion und ihren Ritus hinein zu denken. Anders als beim Kirchenbau mit seinen definierten Parametern gibt es im Synagogenbau allerdings keine Kanonisierung. So konnten genuin kreative Optionen während des Entwurfsprozesses erwachsen. Nur die Bet-Richtung ist definitiv festgelegt. Ein wesentliches Einrichtungsstück des Sakralraums ist der nach Osten, gen Jerusalem, gerichtete Tora-Schrein, in dem die Tora-Rollen mit dem Text der fünf Bücher Moses verwahrt werden. Neben dem Betsaal, dem zentralen und auch optisch herausragenden Element, gehören auch Versammlungs- und Veranstaltungsräume zum Raumprogramm.

Mehrere Grundstücke in Innenstadtlage stehen zur Disposition; drei davon habe ich ausgesucht, aus denen die Studierenden wählen konnten. Von 10 BearbeiterInnen wählten 6 das Grundstück Reichenspergerplatz, 3 das Grundstück Weißergasse (altes Hallenbad) und 1 Bearbeiterin entschied sich für ein Grundstück in der Schlachthofstraße.

K. Bozic

Ein Gebäude wie ein Berg, Entwurf: Kristina Bozic

Bei der Arbeit von Kristina Bozic fiel die Grundstückswahl auf die „Weißergasse“ an der Mosel.

Die Verfasserin schlägt vor, mit einem großen Polyeder den maroden Bau des städtischen Hallenbades zu ersetzen und den Ort neu und attraktiv zu markieren. Das Gebäude soll einmalig und erinnerbar sein und dem Ort gestalterische Qualität verleihen. Ein kantiger Monolith beherbergt den sakralen Bereich, der sich von den profanen Räumen durch Material und Form abhebt. Während die profanen Funktionsräume in einem kubischen Flachdachbau untergebracht sind, wird der Betraum durch das Faltdach besonders hervorgehoben. Auch das Fassadenmaterial differenziert: Während der sakrale Raum mit goldfarbigen Messing-Stahlblech-Platten akzentuiert wird, soll der profane Bereich der Synagoge mit grauen Trespa-Platten verkleidet werden.

Die Arbeit überzeugt durch ihre Gesamtkonzeption. Die einzelnen Funktionsbereiche sind geschickt angeordnet. Das Eingangsfoyer erschließt den gut nutzbaren Versammlungsraum sowie den polygonalen Betraum. Die Mikwe ist, wie gefordert, abseits im EG angeordnet.

Katarina Bozic

Entwurf: Kristina Bozic

Der Betraum kommt durch die asymmetrisch-polygonale, von vielen Winkeln bestimmte Form seiner sakralen Aufgabe gut nach. Er ist liturgisch präzise definiert. Das hebräische Alphabet dient als Dekor und zugleich als eine Wand-Perforierung, die mystisches Licht in den Betraum einlässt.

Das Konzept besticht durch die Signifikanz der Architektur, die mit ihren vielen spitzen Winkeln eine skulpturale Qualität besitzt, bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Kontextes. Die Kraft der Plastizität wird durch die Zurückhaltung der profanen Räume noch verstärkt. Die Forderung nach der Zeichenhaftigkeit eines Synagogenbaus ist somit gut erfüllt. Mit diesem Identität stiftenden Entwurf wird dem exponierten Ort in vorderster Mosellage jene Bedeutung verliehen, die ihm bislang fehlte.

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Entwurf: Claas Trede

Auch Claas Trede, entschied sich für das Grundstück „Weißergasse“.

Er wählte diesen Bauplatz, um dem Altstadtpanorama durch seinen Entwurfsvorschlag ein neues Gesicht zu geben. Dies gelingt städtebaulich mit einer puristisch-strengen, exaltierten Bauform, die sofort ins Auge springt. Der Standort erhält so einen neuen Akzent.

Die Arbeit überzeugt durch ihre prägnante Einfachheit. Die drei einzelnen Funktionsbereiche, Versammlung, Verinnerlichung, Verkehrsfläche sind geschickt angeordnet. Für den Betraum wurde ein nach Osten gerichteter längs-rechteckiger Grundriss gewählt. Er nimmt durch eine monumentale Fensteröffnung Bezug zur Altstadt und zum Bürresheimer Hof auf als Reverenz zur ehemaligen Synagoge. Der puristische Raum ist durch die Frauenempore gegliedert und erhält seine Ausstrahlung durch die Höhenentwicklung, die sich generativ bis auf 20 m über den Toraschrein erstreckt. Der Versammlungsraum ist mit seiner Bühne sehr gut nutzbar und kann in das Foyer hinein erweitert werden. Das Foyer ist als Kopplungsstück zwischen Betsaal und Versammlungsraum positioniert. Die sekundären Funktionen sind so angeordnet, dass sie gut funktionieren. Die Mikwe ist neben der Synagoge ins UG verlegt worden und kann von außen separat erschlossen werden.

Das figurative Erscheinungsbild ist durch eine archaische Strenge gekennzeichnet. Der Betraum dominiert hierarchisch das Gebäude mit seiner hochauffahrenden Spitze. Durch das nach Jerusalem ausgerichtete Fenster erhält der Raum viel Licht. Die Grundrisse sind stimmig. Die Arbeit stellt einen überzeugenden Beitrag zum gestellten Thema dar.

Rina Pohlmann

Entwurf: Rina Pohlmann

Rina Pohlmann hat sich für den „Reichenspergerplatz“ am Rhein entschieden.

Ihre Arbeit symbolisiert den durch das Rheintal fließenden Strom. So soll der Besucher den Gebäudekomplex durchlaufen können, ohne das Gebäude betreten zu müssen. Die Entwurfsidee könnte man als „Inseln im Strom der Zeit“ bezeichnen.

Das Raumprogramm ist in zwei Baukörpern untergebracht, die von einem atriumähnlichen Platz erschlossen werden. Ein Bauteil dient als Betraum, in dem anderen Baukörper befindet sich der profane Versammlungssaal. Beide Baukörper sind unterirdisch miteinander verbunden. Im UG ist auch die Mikwe untergebracht, wie es Wunsch der jüdischen Kultusgemeinde ist.

Visualisierung Synagoge - Kopie

Rina Pohlmann

Der profane Teil der Synagoge wird durch das Fassadenmaterial von dem sakralen Teil unterschieden. Als Material wurde Sichtbeton für die Synagoge gewählt. Der Betraum hebt sich durch das Material der Fassade (Stahlblech) ab. Zwar wurde das „billigere“ Material (Blech) für den Betsaal vorgeschlagen, aber durch Form und Höhe ist die hierarchische Ordnung ablesbar. Der hohe längs-rechteckige Betraum ist zusätzlich noch durch seine Höhe besonders betont. Die interessante Perforierung der Fassade entwickelt innen eine Wirkung, bei der sich alles um Spiritualität, Mystik, Licht und Schatten dreht.

Die vorgesehene Passage mitten durch die Synagoge beugt einer Hermetik vor und symbolisiert die Öffnung der jüdischen Kultusgemeinde zur Gesellschaft. Mit diesem ikonografischen Zeichen wird ein Impetus gesetzt und eine innovative Antwort auf die Frage, wie eine neue Synagoge aussehen könnte.

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Entwurf: Tim Reese

Auch Tim Reese entschied sich für das Grundstück „Reichenspergerplatz“.

Wegen der exakten Ausrichtung nach Osten steht der Bau nicht parallel zur Nachbarbebauung sondern gedreht, wodurch städtebaulich der Solitärcharakter verstärkt wird.

Der Verfasser versucht, die heilige Zahl „3“ architektonisch umzusetzen, indem der Baukörper dreigeschossig versetzt (von außen ablesbar) konzipiert ist. Die einzelnen Raumbereiche sind funktional geschickt angeordnet. Der quadratische Betraum erhält eine Sitzanordnung gebildet aus zwei Viertelkreisen, die die Minora symbolisiert.

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Entwurf: Tim Reese

Eine flache gläserne Kuppel bekrönt den Betsaal, der sowieso als höchster Körper hierarchisch herausragt. Als Fassadenmaterial wird eine Bruchsteinverkleidung vorgeschlagen. Der Betraum soll durch seine Sichtbeton-Außenwand besonders betont werden. Das festungsartige Erscheinungsbild wird abgemildert durch die großen zweigeschossig-abgerundeten Übereckverglasungen. Statt spektakulärem Design wird ein Baukörper mit Steinhülle vorgeschlagen, der zeitenthobenes Beharrungsvermögen signalisiert.

Aussenraum Markus Adams

Entwurf: Markus Adams

Ein weiterer Entwurfsverfasser, Markus Adams, entschied sich für das Grundstück „Reichenspergerplatz“.

Die städtebauliche Analyse ergab auch hier, dass die repräsentative Nachbarschaft im Stil des mainfränkischen Barock in rotem Sandstein keine Architektur erlaubt, die sich diskret anpasst. Deshalb wird mit einer architektonisch großen Geste der Genius Loci signifikant neu determiniert. Die Grundrisskonfiguration basiert auf der Form des Davidsterns. Eine weitere Symbolik stellen die sieben Spitzen des Daches dar, die die sieben Arme der Menora symbolisieren.

Vorgeschlagen wird ein skulpturaler Bau mit einer polygonalen Grundfläche. Die siebenfach expressiv aufgipfelnde Fassaden- und Dachkonfiguration moduliert die Synagogenskulptur.

Die einzelnen Funktionsbereiche sind trotz der schwierigen Grundrisskonfiguration geschickt angeordnet. Das Eingangsfoyer erschließt sowohl den Gemeindesaal als auch den Betraum. Durch seine exaltierte Dreiecksform besitzt der Betraum á priori eine gewisse sakrale Ausstrahlung. Die Mikwe ist im UG untergebracht.

Das Konzept besticht durch die Signifikanz der Architektur, die eine skulpturale Qualität besitzt. Die Absicht des Entwurfsverfassers ein Solitär mit besonderer Konnotation zu schaffen ist gelungen. Durch die Wahl der symbolischen Form für den Grundriss, werden einige Abstriche an die Funktionen erforderlich. Hier wird die Idee in den Vordergrund gestellt. Das vorgeschlagene Gebäude kann den urbanen Raum städtebaulich und architektonisch bereichern.

Hier weitere Lösungsvorschläge:

Esma Alkan

1 Esma Alkan

Sichtbeton gibt dem Gebäudeensemble auf dem Reichenspergerplatz seine monolithische Erscheinung. Die pragmatische Poesie des Entwurfs basiert auf der strukturellen Klarheit der Konzeption. Als umlaufender Fries spiritualisiert die hundertfach perforierte Wandschale den Betraum und lädt ihn auratisch auf. (Entwurf Esma Alkan)

Serpil AkgünDer Entwurf von Serpil Akgün auf dem Reichenspergerplatz ist ein nach außen hermetisch erscheinendes Ensemble.

Sehriban Cakir .

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Der Entwurf von Sehriban Cakir auf dem Areal an der Weißergasse basiert auf eine ikonenhafte Konfiguration, die als Symbol für das Haus Gottes zu lesen ist. Aber auch als Reflex auf den attraktiven Standort soll die Architektur ein hochwertig gestaltetes Erscheinungsbild erhalten.

Melanie Tiemeyer 2Entwurf: Melanie Tiemeyer (Schlachthofstraße) Der Materialität der Synagoge wohnt eine repräsentative Würde inne, die dem Gebäude angemessen ist.

Burhan Ünal.Burhan Ünal

Die markante Formulierung des Baukörpers, der den Betraum konstituiert, präsentiert in geradezu gravitätischer Weise die Gebäudefunktion auf dem Reichenspergerplatz. Entwurf: Burhan Ünal

Fazit: Sehr beeindruckt war ich von der Vielfalt und die hohe Qualität der Bachelor-Arbeiten. Die Entwürfe setzen ein ikonografisches Zeichen unterschiedlichster Art und geben innovative Antworten auf die Frage, wie eine Synagoge am Studienort unserer Studierenden aussehen könnte.

Die EntwurfsverfasserInnen hätten leicht der Versuchung erliegen können, in das zu verfallen, was Karl Friedrich Schinkel die „Barbarei der gesicherten Werte“ genannt hat. So wurden nicht etwa die neuen Synagogen in Dresden, München, Ulm oder Mainz „kopiert“, von denen wir einige auch besichtigt haben, sondern es wurden eigenständige Ausdrucksformen gewagt. Die Entwürfe zeigen, dass das Weltkulturerbe Mittelrheintal von der Architektur eines Synagogen-Neubaus durchaus profitieren könnte.

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Teilnehmer von links:  Melanie Tiemeyer, Markus Adams, Rina Pohlmann, Burhan Ünal, Serpil Akgün, Tim Reese, Kristina Bozic,
Sehriban Cakir, Claas Trede, Esma Alkan und Prof. Herrmanns

8 Kommentare zu “Neue Synagoge für Koblenz

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  2. Hallo Herr Professor Herrmanns!
    Es sind ja einige interessante Lösungen dabei… auf jeden Fall sehr gut für die weitere Diskussion in Koblenz, denke ich. (Übrigens: mein „Vavorit“ ist Rina Pohlmann wegen des schönen Innenraums, wenn auch nicht besonders „synagogal“ – aber vielleicht finde ich das an dem Entwurf, soweit ich ihn sehe, so anziehend…).
    Lassen Sie mich weiteres bitte wissen!
    Herzliche Grüße, Ihr Ulrich Knufinke
    Dr.-Ing. Ulrich Knufinke M.A., Braunschweig

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