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 „ dass wir in der Architektur völlig neue Formen brauchen.“ (Werner Sobek)

Moderne Architektur

Ein Manifest des Neuen Wohnens:                                                                            Zwei Häuser von Le Corbusier in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Ziel der zweitägigen Bus-Exkursion mit dem 3. Semester des Bachelor-Studiengangs war zunächst die Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Hier haben 1927 im Rahmen der Werkbundausstellung so prominente Architekten wie Mies van der Rohe, Le Corbusier, Walter Gropius u. a. ihre damals visionären Architektur-Ideen für Wohnhäuser realisiert. Mit deren Architekturverständnis und diesen weißen Ikonen, allesamt Vorläufer des modernen Wohnungsbaus, beschäftigen wir uns in diesem Wintersemester in „Grundlagen der Modernen Architektur“.

Mercedes-Benz-Museum: Hinter der Verglasung stehen die bis zu 14 m hohen Tetrapodenstützen. Sie besitzen das Aussehen eines auf dem Kopf stehenden Y.

Anschließend haben wir das spektakuläre und in meinem Verständnis immer noch futuristisch anmutende Mercedes-Benz-Museum des niederländischen Architekten Ben van Berkel in Stuttgart-Untertürkheim besichtigt. Durch die Verglasung sind die V-Stützen des bereits seit 2006 fertiggestellten Solitärs sichtbar. Bullig, verbeult, zusammengestaucht und dennoch großartig wirkt der 150 Mio. Euro teure Bau auf den Besucher.

Glanzstück schwäbischer Automobilkultur: Mercedes Flügeltürer

Im Inneren weist er die Form einer Doppelhelix (zwei gegenläufige Spiralen) auf. Aus der Vogelperspektive ergibt sich ein dreiblättriges Kleeblatt, wobei die einzelnen Blätter um ein dreieckiges Atrium rotieren und fünf horizontale Ebenen bilden, die bezogen auf die einzelnen Blätter, ein- oder zweigeschossig konzipiert sind. Der Weg des Besuchers ist dem „Guggenheim-Prinzip“ in New York von Frank Lloyd Wright nachempfunden. Mit Aufzügen fährt man zunächst nach oben, um dann zu Fuß entlang der Exponate wieder nach unten zu gelangen. In der Ausstellung mit 120 legendären Fahrzeugen befindet sich das gesamte technische und kulturelle Gedächtnis der Marke, was gleichbedeutend ist mit Kultur und Technik des Automobils überhaupt.

Porsche-Museum mit ca. 80 Autos, darunter Ikonen wie 356, 550, 911 oder 917

Auch Porsche zelebriert den Mythos der Automarke mittels spektakulärer, atemberaubender Architektur. Im Industriegebiet von Stuttgart-Zuffenhausen ragt der unverwechselbare, kantige Museumskörper des Porsche-Museums aus der Ortslosigkeit seines Umfeldes strahlend weiß empor. Der gewaltige, monolithische Bau der Wiener Architekten Delugan Meissl wurde 2009 eröffnet.

Glanzstücke schwäbischer Automobilkultur: Porsche Rennwagen, 917 (rechts)

Auch die Ausstellungsflächen im Inneren sind nahezu vollständig in Weiß gehalten, um die ausgestellten Fahrzeuge so richtig zur Geltung zu bringen. Auch wenn die von den Architekten angestrebte Leichtigkeit des Gebäudes trotz aller statischen Raffinesse meiner Auffassung nach nicht erreicht wird, ist der Bau faszinierend und unterstützt durch seinen dynamischen Ausdruck die Automarke.

Zentrum für Virtual Engineering – Der Bau besitzt eine ikonische Qualität ähnlich dem Einsteinturm, an den man unweigerlich bei seinem Anblick denken muss.

Als weiteres Beispiel für Signature Architecture haben wir uns auf dem Campus von Stuttgart-Vaihingen auch das brandneue ZVE (Zentrum für Virtual Engineering) von Ben van Berkel/UN Studio angeschaut. Der Neubau ist im Grunde eine Erweiterung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und schließt unmittelbar an das Bestandsgebäude an. Es dient als Labor- und Bürogebäude. Absicht des Bauherrn ist, die Arbeitsleistung und Kreativität der Mitarbeiter durch besonders innovative Architektur zu beflügeln. Aus einer künstlichen Bodenerhebung erhebt sich der strahlend weiße Bau. In die abgerundete Aluminium-Fassade sind sägezahnartige Fensterbänder eingeschnitten. Durch die Fenster mit ihren farbigen Öffnungsflügeln an den Schmalseiten erhält die homogen weich-bewegte Fassadenform nochmals Dynamik und Biss.

Mit seiner expressiven Formensprache steht der Neubau als Symbol für die Hochleistungsforschungen am IAO

Allen besichtigten Bauten – angefangen von den Wohnhäusern in der Weißenhofsiedlung bis zum ZVE – ist gemeinsam, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Erbauung durch ihre ungewöhnliche Formensprache mit dem tradierten Bild von Architektur gebrochen haben. Ben van Berkel ist sich mit Werner Sobek, der sich für die Statik und Konstruktion des Mercedes-Benz-Museums verantwortlich zeichnet, darin einig, „dass wir in der Architektur völlig neue Formen brauchen.“

Das ZVE – nur eine weitere Form der retinalen Stimulation in einer Medien-gesättigten Gesellschaft?

Siehe hierzu auch c(ar)architecture:

https://herrmanns.wordpress.com/2010/05/11/architektur-als-brand/

2 Kommentare zu “Jenseits der Form

  1. Pingback: Sie feiern Geburtstag: Gottfried Böhm und Ben van Berkel | ARCHBLOG

  2. Pingback: Ben van Berkel | ARCH BLOG

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