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Kein Krampf: Hitler-Farce
Obwohl im großen Haus des Schauspiel Frankfurt die Bühne megalomanische Maße aufweist (Breite 25 m, Tiefe 21,5 m, Höhe 26 m), benötigt George Taboris 1987 im Wiener Akademietheater uraufgeführtes Theaterstück Mein Kampf – im Schauspiel Frankfurt von Amélie Niermeyer inszeniert – nur wenig Raum. Als Bühnenbild hat Stefanie Seitz quasi vor die Bühne eine kahle, weiß geflieste Wandfläche als visuelle Metapher errichtet. Die eigentliche Spielfläche vor der Kachelwand, aus der die Betten für die Obdachlosen immer wieder aus- und eingeklappt werden, wirkt als unwirtlich freudloser Raum, der in den Zuschauerraum hinein gebaut dem Publikum sozusagen auf die Pelle rückt.


Mise-en-scène

Vor diesem assoziativ anregenden Umfeld entwickelt sich die Geschichte: Ein armseliger, neurotischer Bursche namens Adolf Hitler kommt 1910 aus der Provinz nach Wien, um sich an der dortigen Kunstakademie zu bewerben und wird abgewiesen, woraufhin er beschließt, eine politische Karriere einzuschlagen. In Taboris Stück, in dem Hitler verjuxt wird, ist ausgerechnet der Jude Schlomo Herzl sein Mentor. Dieser Jude, dem er im Männerwohnheim über der Schlachterei begegnet, ist der „Verfasser“ von der Schrift Mein Kampf, die Hitler später als politisches Pamphlet benutzen wird. Einer der Tabori-Scherze in diesem Stück ist die Darstellung der Lebensferne des verkrampften Hitler, der nicht einmal weiß, dass es Geschlechtsverkehr gibt. Am Ende gelingt es diesem lächerlichen Psychopathen aber, Schlomos Freundin zum unterwürfigen Nazi-Mädchen zu machen.

Tabori, dessen Vater und viele seiner Verwandten in den deutschen Vernichtungslagern ermordet wurden, paraphrasiert den Schrecken und Horror des 20. Jahrhunderts in einem fulminanten Schluss. Er lässt den SS-Führer Heinrich Himmler resp. Himmlischst ein Huhn als Symbol für Holocaust und Massenmord wie im Blutrausch mit roher Gewalt zerfleddern – das Opfertier wird orgiastisch geschlachtet und ausgebeint, vergast, verbrannt und vernichtet. Das sardonische Gelächter der Hitler-Schergen, das humoristisch verbrämt den Zuschauer ansteckt, bleibt einem dann doch immer wieder im Halse stecken. Vielleicht ist der ausbalancierte Umgang zwischen Komik und Entsetzen bei diesem empfindlichen Thema – auch mein Vater war ein im 3. Reich verfolgter deutscher Jude – die Stärke der Niermeyerschen Inszenierung, die leicht in groteske Theatralik hätte abrutschen können.

Je leerer der Raum, desto voller die Szene.

Dieses Theaterstück habe ich mit besonderem Interesse besucht, weil Frau Prof. Amélie Niermeyer die Abteilung Schauspiel und Regie an der Universität Mozarteum Salzburg leitet – dort, wo mein Sohn Robert Schauspiel studiert.

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