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Retrospektive


Er war mein Professor in der Baukunstklasse der Kunstakademie Düsseldorf. Wegen seiner Kompetenz und Statur wurde der von uns sehr bewunderte Lehrer auch liebevoll „Big Jim“ genannt. Immer, wirklich immer, trug er sein legendäres dunkelblaues Hemd, eine schwarze Krawatte, einen grauen Anzug und einen giftgrünen Plastikkoffer. Der verehrte Meister – James Stirling – galt als der einflussreichste und innovativste Architekt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Weltweit wurde er mit Preisen für seine Architektur überhäuft: So erhielt er u. a. zum Beispiel vom Royal Institute of British Architects die Königliche Goldmedaille, die angesehenste Ehrung für Baukünstler. Er wurde gewürdigt als „Englands streitbarster und umstrittenster Architekt“ sowie als „Schöpfer der bedeutendsten Werke der modernen Architektur“. 1981 erhielt er sogar den renommierten und höchst dotierten Preis im Bereich der Architektur, den Pritzker-Preis. 1992 titelte die britische Tageszeitung Independent: „Größter Architekt der Welt gestorben“.

Stirling erregte mit seinen Projekten Aufsehen – und inspirierte uns Studenten

Unsere kleine Studentengruppe in der Kunstakademie jedenfalls stand immer ehrfürchtig um den großen Meister, der unsere Entwürfe korrigierte. Die Zeichnung war ihm elementar wichtig. Er war ein Architekt, der wunderbar und virtuos mit seinem kleinen schwarzen 6B-Stift (shorty) Handskizzen anfertigen konnte. Die strahlende Überzeugungskraft, die aus seinen Bleistift-Skizzen sprach, versetzte uns in das seltsame Glücksgefühl, näher am Allerhöchsten zu sein.

Eines seiner Hauptwerke stellt der 1984 eröffnete eklektizistische Erweiterungsbau der Stuttgarter Staatsgalerie dar, womit er einen Meilenstein in die Bauwelt setzte. In diesem auratischen Bauwerk werden Stirlings Referenzen an die Baugeschichte und deren Einflüsse auf seine Architektur offensichtlich. Seine narrative Baukunst zitiert den russisch-sowjetischen Konstruktivismus und persifliert Le Corbusier. Er hat den puristischen Funktionalismus mit einer geradezu barocken Lust um eine metaphorische Architektur erweitert. Mit diesem Bauwerk hat er die Postmoderne ins Leben gerufen, auch wenn er selbst diesen Begriff ablehnte.


In ironischer Umkehr von Schinkels kuppelüberwölbtem Altem Museum in Berlin ist Stirlings Stuttgarter Rotunde als oben offener Hohlzylinder gestaltet.

In diesen Tagen würdigt man in Stuttgart Stirlings architektonisches Werk in der Neuen Staatsgalerie, seinem Opus magnum. Mit Sicherheit gibt es keinen geeigneteren Platz für die Präsentation seines Nachlasses. Die Retrospektive in dem neo-klassizistischen Museumsbau vermittelt Einblicke in den Entwurfsprozess des Architekten und sein Wirken als Lehrer und ist bis zum 15.01.2012 zu sehen.

He was my professor in the architecture class at the Art Academy in Düsseldorf. Because of his big stature our much admired teacher was known affectionately as „Big Jim“. Always, really always, he wore his legendary dark blue shirt, a black tie and a gray suit. The revered master – James Stirling – was considered the most influential and innovative architect in the second half of the 20th Century.

Worldwide, he received awards for his architecture. So, among others, the Royal Institute of British Architects presented for example the Royal Gold Medal, the most prestigious award for architects. He was honored as „creator of the greatest works of modern architecture“. In 1981 he even received the prestigious and most lucrative prize in the field of architecture, the Pritzker Prize. In 1992 the British Independent newspaper headlined: „The greatest architect in the world is dead.“

Neue_Staatsgalerie_(c)Staatsgalerie_Stuttgart

photo: (c) Staatsgalerie Stuttgart

Our small group of students at the Art Academy was in any case always reverently before the great master, who corrected our designs. He was an architect who could make wonderful sketches with his little black pencil. Especially Stirlings axonometric drawings of the proposed buildings could already be on paper first architectural ideas into reality.

One of his major works is the eclectic extension of the Stuttgart State Gallery, opened in 1984, with which he set a milestone in the world of architecture. In this building, Stirlings references to the history and its influences on his architecture is evident. His narrative architecture quotes the Russian-Soviet constructivism and satirizes Le Corbusier. He has expanded the purist functionalism with a metaphoric architecture. He did this with the post-modern building set up, although he himself rejected this notion.
These days, one recognizes in Stuttgart Stirling’s architectural work in the New State Gallery, his magnum opus. Certainly there is no better place for the presentation of his estate. The retrospective at the neo-classical museum provides an insight into the design process of the architect and his work as a teacher and is on view until 15/01/2012.

8 Kommentare zu “James Stirling

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Herrmanns,

    haben Sie herzlichen Dank für den Hinweis und die Würdigung von Stirling und Ausstellung im Architekturblog.

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Daners
    Leiter KunstVermittlung
    Staatsgalerie Stuttgart
    Postfach 10 43 42
    70038 Stuttgart
    Tel. 0711 470 40 450
    Fax 0711 470 40 457

    Ausstellungsvorschau unter:
    http://www.staatsgalerie.de/ausstellung/

    Aktuelle Veranstaltungen bei:
    http://www.facebook.com/Staatsgalerie

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