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Wiederaufbau der Josefskirche in St. Ingbert

Am 17. Juli 2007 brach ein Feuer in der neugotischen Josefskirche in St. Ingbert aus, wodurch die zweitgrößte Kirche im Bistum Speyer, das Wahrzeichen der saarländischen Stadt nahezu vollständig zerstört wurde. Der Saarländische Rundfunk hat die Rekonstruktion der 1890-1893 erbauten katholischen Hallenkirche mit der Kamera begleitet und wird über den Wiederaufbau des dreischiffigen Gotteshauses einen halbstündigen Fernsehfilm ausstrahlen. Für einige Fragen, die die Rolle von Sakralbauten in Städten allgemein betreffen, wurde ich befragt.

Frage Saarländischer Rundfunk: Wo liegt der spirituelle Charakter eines Sakralbaus, der ihn von einem Profangebäude unterscheidet?)

Antwort Henner Herrmanns: Der spirituelle Charakter von Kirchen

Kirchen sind – wie wir fühlen und wissen – keine gewöhnlichen Immobilien, die wie Kaufhäuser oder Bürogebäude nach ökonomischen Kriterien (fehlende Kirchensteuereinnahmen, hohe Unterhaltungskosten, fehlender Zulauf) einfach geschlossen werden könnten. Vielmehr handelt es sich bei Kirchengebäuden um affektive, ideelle Werte unserer Gesellschaft, die nicht bloß als materielle Substanz und konvertible Verfügungsmasse anzusehen sind. Kirchen besitzen einen Mehrwert jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen und über ihre reine Funktion hinaus.

Ein Kirchengebäude ist mehr als ein Bauwerk, es ist ein Topos, ein Ort des Geistes, es ist ein Symbol. Es stellt immer auch ein Abbild dar; d. h. es bringt religiöse Sinngehalte zum Ausdruck. Oder um mit dem Philosophen Ernst Bloch zu sprechen, beim Kirchenbau geht es um „den Glanz dahinter“. Es ist dieser spirituelle Glanz, nennen wir es die Ästhetik des Erhabenen, den ein Kirchenbau von einem Zweckbau ohne übergreifenden Sinngehalt unterscheidet.

Leider ist zu beobachten, dass unsere Gesellschaft ihre kulturellen Werte verstärkt unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet, was auch auf anderen Gebieten zu nicht ersetzbaren Verlusten führt. So wie der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Dr. G. Fürst, es ausdrückte: „Wenn wir Gotteshäuser abreißen, leisten wir einer Gesellschaft und einer Mentalität Vorschub, die nur noch nach materiellen Erwägungen handelt.“

Antwort HH: Der sakrale Kirchenraum

Aber auch der Kircheninnenraum ist unter dem Aspekt des Sakralen zu betrachten, hier wo die Begegnung mit dem Numinosen erfahrbar ist. Als Räume der Stille dienen sie als Rückzugsmöglichkeit, als Ort der Entschleunigung im Alltagstrubel. Der Kirchenraum ist auf jeden Fall nicht allein als mathematisch-euklidisch erfassbarer Raum zu sehen, sondern auch ganz wesentlich ein „gelebter Raum“. Er wird individuell und selektiv annektiert.

Dass ein Kirchenraum als „heiliger Ort“ gilt, ist im Kirchenrecht verankert. Kirchenräume sind nicht an sich „heilige Orte“, sie werden erst durch Weihung dazu und sie müssen es nicht bleiben. Kirchen können ihre Weihung verlieren – profaniert werden, wenn es der Institution Kirche sinnvoll erscheint.

Frage SR: Ist der massive Mitteleinsatz zur Erhaltung großer städtischer Sakralbauten angesichts der Finanznot kleiner Gemeinden und damit auch kleinerer Dorfkirchen gerechtfertigt?

Antwort HH: Kirchengebäude als Marketinginstrumente

Kirchengebäude sind das weithin sichtbare Merkmal der abendländischen Kultur. Ein Wirtschaftsunternehmen, das so dumm wäre, ein solch erfolgreiches Markenzeichen aufzugeben, liefe Gefahr, seine Marktposition zu verlieren. Besonders in einer zunehmend laizistischen Gesellschaft braucht die Kirche eine Architektur von sich selbst verstärkender Präsenz, die einen Affekt erzeugen kann.

Frage SR: Welches städtebauliche Interesse gibt es an Sakralbauten – Stadtbildprägung, …..

Antwort HH: Kirche als städtebauliche Mitte

Zwar steht der christliche Glaube und die apostolische Mission der Kirche heute längst nicht mehr im Mittelpunkt des Alltags, aber über ihre sakrale und spirituelle Bedeutung hinaus haben Kirchen in aller Regel auch eine ganz wesentliche städtebauliche Funktion. Sie sind ostentative Zeichen in der Stadtstruktur und meist Kristallisationspunkte in der städtebaulichen Umgebung. Sie prägen Stadtbild und Ort durch Markierung, und zwar dadurch, dass sie das umgebende eigenschaftsärmere Ambiente auszeichnen. Ihr Abbruch greift in wichtige städtebauliche Zusammenhänge ein.

Frage SR: Welchen Mehrwert hat ein Sakralbau wie die Kirche St. Josef in St. Ingbert für die Stadt?

Antwort HH: Kirche als Identifikationsanker

Mit dem Abriss drohen verödete säkularisierte Stadtbilder sowie der Verlust der Mitte mit ihrer räumlichen und geistigen Bedeutung. Kirchengebäude dienen häufig als Identifikationsanker für die Städte und Gemeinden, sind Heimat für Generationen von Christen: sonntägliche Gottesdienste, Taufe, Kommunion, Firmung, Heirat, Trauerfeier. Die Aufgabe von Kirchen führt zu großer emotionaler Betroffenheit der Bürger.

Kirchen sind zunächst Bauwerke für die Nutzung durch die Kirchengemeinde und Zeichen christlicher Präsenz. Selbst wenn heute oft andere Architekturobjekte das städtische Panorama prägen, strahlen Kirchen die Anwesenheit des Transzendenten aus. Kirchen haben nicht nur einen religiösen Symbolwert, sie schaffen auch Identität. Deshalb wäre vor einigen Jahrzehnten noch, etwa nach dem 2. Weltkrieg, die Frage, ob ein Kirchengebäude nach einem Brand oder sonstiger Zerstörung wieder aufzubauen wäre, gar nicht gestellt worden. Auch im Mittelalter waren Brände von Kirchen und ihr Wiederaufbau an der Tagesordnung. Ihre Relevanz, im Sinne von Identität und Heimat, ließ es selbstverständlich erscheinen, dass diese Bauten – noch vor allem anderen – wieder Instand gesetzt wurden.

Frage SR: Warum sollten das Bistum Speyer und auch die Pfarrgemeinde viel Geld in den Wiederaufbau investieren, wo es doch einige weiterem, kaum genutzte Kirchen in St. Ingbert gibt?

Antwort HH: Kirchen als Zeugen der Baugeschichte

Kirchengebäude mit den typischen Gestaltungsmerkmalen ihrer Zeit sind auch steingewordene Geschichte. Schon immer ist Architektur mediale Oberflächenstruktur gewesen, an der die gesellschaftlichen Befindlichkeiten abzulesen sind. Gerade sakrale Bauwerke sind diejenigen Objekte, an denen sich das kulturelle Selbstverständnis der jeweiligen Zeit beispielhaft ablesen lässt. Und wie der griechische Tempel Ausdruck der höchsten Kulturleistung des klassischen Altertums ist und die gotische Kathedrale das Mittelalter kennzeichnet, zeugt eine Kirche wie St. Ingbert für die hervorragenden Leistungen der Baukunst ihrer Zeit.

Und last not least: Nach Kanon 222, § 1 und Kanon 1254, § 2 des geltenden Kodex des kanonischen Rechts gehört die Erhaltung von Kirchengebäuden zu den wichtigsten Aufgaben der katholischen Kirche.

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