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Die Kirche im Dorf lassen

Zur Eröffnung der Ausstellung „Dorfkirchen – Unbekannte Schönheiten“ hatte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz diese Woche in die Koblenzer Citykirche eingeladen. In dem Eröffnungsvortrag resümierte Frau Dr. Ingrid Scheurmann (Leiterin der Abt. Dokumentation und Denkmalvermittlung der Stiftung) auffallend deskriptiv und ausführlich über „Neue Nutzungen für alte Kirchen“ und warf abermals ein Schlaglicht auf die immer noch aktuelle Problematik der Umnutzung und Schließung von Kirchen.

Fakt ist, die Kirche steckt heute in einem unumkehrbaren Schrumpfungsprozess.  Die Zahl der Kirchenbesucher ist in unserer permissiven, agnostischen Zeit drastisch zurückgegangen. Die Nutzungsprobleme sind vor allem durch den Wandel der Bevölkerungsstrukturen und die Welle von Kirchenaustritten entstanden, auf Grund dessen auch weniger Mittel durch Kirchensteuereinnahmen zur Verfügung stehen. Dieser Einnahmerückgang der zahlenden Mitglieder hat das große Kirchensterben beschleunigt.

Was soll mit den vielen unnützen Gebäuden geschehen, die hohe Unterhaltungskosten verschlingen? Können hierfür neuen Nutzungen in unserer entkirchlichten Gesellschaft entstehen? Und wenn ja, welche? Ansonsten droht der Abriss der Sakralbauten und damit ein großer kultureller Verlust durch die Aufgabe der orts- und städtebildprägenden Bauwerke.

In der Regel sind nutzungsentleerte Bauwerke nur durch eine nachhaltige Umnutzung dauerhaft zu bewahren. Einige der bedeutendsten Architekturwerke in der Baugeschichte haben nur überlebt, weil sie einer anderen Nutzung zugeführt werden konnten.

So wurde aus dem Pantheon in Rom, 117 n. Chr. als heidnischer Tempel erbaut, im Jahr 608 n. Chr. die christliche Kirche Santa Maria Rotonda. Die Christen – sonst nicht zimperlich im Vernichten des Heidnischen – entschieden sich bei diesem Bau für die Bewahrung durch Aneignung.

Die mehrfache Nutzungsänderung bewahrte die im 6. Jahrhundert erbaute Hagia Sophia vor dem Abriss: Bei der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 hinderte Sultan Mehmet II. seine Janitscharen-Truppen an der Zerstörung der ehemaligen Sophienkirche und machte sie zur Moschee. Unter Atatürk wurde die Hagia Sophia dann 1932 zum Museum.

Foto: lugaresquever.blogspot.com/2010/08/mezquita-catedral-de-cordoba

Die Mezquita–Catedral von Cordoba ist seit der Reconquista der Stadt keine Mezquita (entspricht dem deutschen Wort Moschee) mehr, sondern wurde 1236 zur Kirche geweiht.

Foto: Vera Lisakowski

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist St. Maximin in Trier, die heute als Schulsporthalle und für kulturelle Veranstaltungen vom Bistum genutzt wird.

Eine scheinbar einfache Lösung stellt die seit den 1980er Jahren umgenutzte Friedrichswerdersche Kirche in Berlin dar, die als Ausstellungsraum für Skulpturen des 19. Jahrhunderts dient.

© ML Preiss

Auch die Immanuelskirche in Wuppertal konnte 1981 vor dem Abriss gerettet werden, indem sie einer kulturellen Nutzung zugeführt wurde.

Foto: Glückseligkeit

Grenzwertige Umnutzungen sind beispielsweise die kommerzielle Verwendung der ehemaligen Martinikirche in Bielefeld, die zum Restaurant „Glückseligkeit“ umgebaut wurde.

Bild: http://www.tectum.de/

Im brandenburgischen Milow ist die Sparkasse in die ehemalige Dorfkirche eingezogen.

Mag eine solche Gewinn orientierte Verwertung vielen nicht passen, so ist bei der Martinikirche viel Einfühlungsvermögen bei der Umnutzung bewiesen worden, indem der Kirchenraum seine ursprünglichen Qualitäten behalten hat. Allerdings gefährdet in beiden Fällen die profane Nachnutzung den symbolischen Gehalt aller Sakralbauten.

Bild aus Wikipedia

Damit stellt sich die Frage, wie viel an Umnutzung kompatibel ist. Eine kirchennahe Alternative erhielt St. Josef in Aachen, die 2006 in ein Kolumbarium umgewandelt wurde, womit die Unterhaltungskosten für das Kirchengebäude gesichert werden.

Bild: strausberg-live.de

Die Ruine der 1945 zerstörten Stadtpfarrkirche in Müncheberg  wurde 1997 überdacht und erhielt einen modernen Einbau, der die Stadtbibliothek beherbergt sowie eine flexible Nutzung als Eventlokation.

Was die beiden christlichen Kirchen als überhaupt nicht möglich postulieren, ist die Umwidmung zu einer Moschee. Wegen der Symbolwirkung einer Kirchenschließung ist die kultische Nutzung durch nicht-christliche Religionsgemeinschaften ausgeschlossen (Arbeitshilfen175 der Deutschen Bischofskonferenz).

 Zwar steht der Glaube heute längst nicht mehr im Mittelpunkt, dennoch haben Kirchen über ihre reine Funktion und ihre sakrale und spirituelle Bedeutung hinaus einen Mehrwert jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen. Kirchen haben in aller Regel nämlich auch eine ganz wesentliche städtebauliche Funktion: Sie prägen meist ganz wesentlich das Bild einer Stadt oder Gemeinde. Ihr Abbruch oder eine problematische Nachnutzung greift gravierend in wichtige städtebauliche Zusammenhänge ein. So musste die kleine Emmauskirche in Borna, die ursprünglich in Heuersdorf stand, dem Braunkohlenabbau weichen. Der komplette Baukörper wurde auf Wunsch der Bevölkerung dann in das neue Dorf transloziert.

Sakrale Architektur war immer schon anspruchsvoller als seine profanen Zeitgenossen. Ihre Vernichtung sollte niemanden kalt lassen, egal ob gläubig oder nicht. Mit jedem Verlust eines Kirchenbaus erleiden wir fast immer auch einen architektonischen Werteverlust. So unterschiedlich die Umnutzungen der ausgewählten Beispiele erscheinen mögen, so beweisen sie doch, dass profane Nutzungen sich oft schonend in sakralen Bauten ermöglichen lassen. Voraussetzung ist allerdings, dass beim Umbau der gleiche qualitative Anspruch geltend gemacht wird wie ursprünglich bei der Entstehung des Bauwerks. Wie zu hören ist, ist dies jedoch bei den 15.000 Kirchen in der Bundesrepublik, die über kurz oder lang aufgegeben werden, leider nicht immer der Fall.

Siehe auch:

http://www.theomag.de/46/hh1.htm

Mehr:

„Das letzte Abendmahl – Umnutzung, Verkauf und Abriss von Kirchengebäuden in Deutschland“ von Henner Herrmanns und Ludwig Tavernier, erschienen in der Reihe studies in european culture, Bd.6,   VDG Weimar 2008, ISBN 978-3-89739-560-2

Weitere Artkel von mir zum Thema:

„Altlast Kirche – Die Kirche als Immobilie“ in BDB 1/2007

„Das große Kirchensterben“ in Metamorphose 5/2007

3 Kommentare zu “Kirchenumnutzung

  1. ein sehr schöner bericht zu einem sehr traurigen thema, danke dafür!

    die wertigkeit einer kirche -respektive, was sie den menschen eines dorfes oder einer stadt bedeutet- verdeutlicht das beispiel der emmauskirche borna in vollendung – sie zieht einfach mit um! eine kirche ist für mein dafürhalten immer der mittelpunkt einer siedlung/dorf/stadt – und sollte es auch weiterhin sein!

    sicherlich gibt es auch grenzwertige neue nutzungen (restaurant, sporthalle etc.), dennoch finde ich, solange eine kirche in ihrer substanz und nutzung erhalten bleibt, sollte man dies immer dem verfall oder gar dem rückbau vorziehen. an den oben aufgezählen beispielen wird ja ersichtlich, wieviel potential sich durch großvolumige bauten erschließt (vorausgesetzt der gemeinde-/stadtrat lässt dies zu). eine bibliothek z.b. ist doch eine wunderbare neue nutzung – ist sie doch meist auch im zentrum angesiedelt.

    beste grüße
    a.adams

    wer hat sich eigentlich den namen „citykirche“ ausgedacht? ist nebenan direkt das „cityreisebüro“ und der „city-taxistand“?

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  2. Die ehemalige Jesuitenkirche direkt neben dem Koblenzer Rathaus heißt heute, nachdem sie umgestaltet wurde, Citykirche. Auch sie war als Haus für Gottesdienste überflüssig geworden und hat eine Umwidmung erfahren.
    Eine sog. Citykirche soll ein Angebot für Passanten sein, die ein Gespräch suchen. Die Citykirchen eröffnen diesen Menschen die Möglichkeit, ihre Sorgen zu artikulieren.
    Beste Grüße
    Henner Herrmanns

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  3. Pingback: Marode Moderne | ARCHBLOG

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