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„Ich rate Ihnen, dem Talent eines Architekten zu misstrauen, wenn dieser kein großer Zeichner ist. Wie sollte dieser sein Auge sonst geschult haben? Woher sollte er die Ideen vom Großen, vom Einfachen und Erhabenen, vom Edlen, vom Ergreifenden geschöpft haben?“ (1765, Denis Diderot, französischer Schriftsteller, Philosoph und Aufklärer)

WB  von Hans Poelzig: „Hochhaus Bahnhof Friedrichstraße, Berlin“ 1921/22

Das schöpferische Medium

Das Architekturmuseum der TU Berlin zeigt zur Feier seines 125jährigen Bestehens eine Auswahl bemerkenswerter Architekturzeichnungen.
Ausgestellt werden die Bauten auf Papier bis zum 30. September in Berlin in einem Provisorium, das dort aufgestellt wurde, wo einst die Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel stand, die noch auf ihre Rekonstruktion wartet. Schinkel gilt als der größte deutsche Architekt des 19. Jahrhunderts, begann als Maler und war natürlich, wie alle Architekten in früheren Zeiten, ein großartiger Zeichner.
Der berühmte Schriftsteller und Kunsthistoriker John Ruskin glaubte im 19. Jahrhundert, dass Zeichnen nicht nur elementare Grundlage des Sehens ist, sondern auch ein vitales Werkzeug zum Denken, Erfinden und Kommunizieren. Nimmt man einen Zeichenstift in die Hand, setzt ein Denkprozess ein: Sehen – Zeichnen – Denken.
Auch in der modernen funktionalistischen Architektur – von Frank Lloyd Wright bis Zaha Hadid – spielte Zeichnen eine eminent wichtige Rolle für das Entwerfen. „Für meine Arbeit sind sie wesentlich, weil Zeichnen und Malen immer in Schichten geschieht, die sich übereinander lagern. Die Idee des Morphens und der ständigen Formverwandlungen ….“ (Zaha Hadid). Auch das Deutsche Architektenblatt behauptet in seiner Ausgabe 12/09: „Die Handzeichnung hat auch im CAD-Zeitalter nicht ausgedient.“
Zu allen Zeiten war das Zeichnen in der Architektenausbildung ein obligatorisches und unverzichtbares Modul. Es sollte sowohl das bewusste Sehen eingeübt werden als auch die Wiedergabe des Gesehenen oder Vorgestellten als eine Form der Kommunikation.
Für den Architekten ist die Kunst des Zeichnens substantiell und unverzichtbar und das Fach Freihandzeichnen ist nach wie vor ein konstitutiver Bestandteil des Lehrangebots im Studiengang Architektur. Die Zeichenveranstaltungen in diesem Fach dienen dazu, das berufsspezifische Sehen und Denken mit dem Zeichenstift zu üben; denn nachweislich fördert man mit der zeichnerischen Qualität auch die architektonische.

Seit Jahren findet ein gravierender Umwandlungsprozess durch die neuen Kommunikationstechnologien statt. Der von Hand gezeichnete Plan wird mit Hilfe von CAD ersetzt. Im Zeitalter der Computersimulation und der Digitalfotografie scheinen die althergebrachten Bildungsziele verzichtbar geworden zu sein. Mit jeder Reakkreditierung des Studiengangs verschwindet das Zeichnen mehr und mehr von der Bildfläche. Es ist längst zu einem kleinen Teilmodul geschrumpft, da seine Bedeutung für das Entwerfen nicht mehr erkannt wird. Aber der belgische Künstler und Designer Arne Quinze übertreibt nicht, wenn er sagt: „Ich kann nicht mit Computern arbeiten. Computer sind zu langsam für mich. Ich habe stattdessen immer mein Skizzenbuch bei mir, darin kann ich jederzeit meine Ideen festhalten.“

Wenn es mir auch in all den Jahren ein großes Vergnügen gewesen ist, unseren Studenten/innen das Zeichnen zu lehren, so wird mir doch ganz melancholisch zumute, wenn ich in die Zukunft blicke.
Nichts desto trotz:
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wird in der Zeit vom 9. August bis 4. September 2011 in der Citykirche in Koblenz eine Ausstellung zum Thema Dorfkirchen zeigen, in der großformatige Zeichnungen mit Kirchen unserer Architekturstudenten/innen zu sehen sein werden.

(Bitte klicken Sie die Bilder an, um sie zu vergrößern.)

4 Kommentare zu “Papierarchitektur

  1. Wegen dem Kommerz und der ungesunde Konkurenz werden die wahre Talente oder gute Ideen durch das perfekte Beherrschen der Computertechnik und das perfektes Schwätzen z.B. bei den Presentazionen weg gedrängt oder überhaupt nicht entdeckt. Die wahre Kunst und Wissenschaft (Vorschung) werden langasam, aber sicher, zu Sklaen des Kommerz und Industrie. Die wahre Kunst wird aber natürlich oder hoffentlich sich durchsätzen. Wie die russische Weißheit sagt: „Das Talent kann man nicht versaufen!“- Ein guter Konzept. „( 2011, A. Frank, Kunstmaler, Philosoph und ewiger Architekturstudent).

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