Home

Das letzte Abendmahl

„Das letzte Abendmahl – Umnutzung, Verkauf und Abriss von Kirchengebäuden in Deutschland“ von Henner Herrmanns und Ludwig Tavernier (Hg.) erschienen in der Reihe studies in european culture, Bd.6,   VDG Weimar 2008, ISBN 978-3-89739-560-2

Zu dem bereits im Jahr 2008 erschienenen Buch ist jetzt eine interessante Rezension von Dr. Christoph Barnbrock erschienen:

„Vor mir liegen nebeneinander auf dem Schreibtisch das zu besprechende Buch und eine Einladung zu einem „Bohrfest“. Zu letztgenannter Festivität bin ich eingeladen vom Käufer des Grundstücks, auf dem bis im letzten Jahr die St. Trinitatis-Kirche in Verden-Walle gestanden hat, für die ich als Pastor zuständig war. Inzwischen ist sie nach entsprechenden gemeindlichen Beschlüssen abgerissen worden, und ein Wohnhaus hat dort seinen Platz gefunden, das in Zukunft mit Erdwärme geheizt werden soll, die nun mit einer Bohrung zugänglich gemacht wird. Um es etwas zugespitzt zu sagen: Wo früher die himmlische Kraft Gottes (energeia tou theou) wirkte, soll nun also irdische Energie freigesetzt werden. So bin ich hinsichtlich des Themas des zu behandelnden Buches zugleich Betroffener und Verantwortungsträger.

Beim genannten Buch handelt es sich um einen Dokumentationsband eines Kolloquiums aus dem Jahre 2006 unter dem Thema „Altlast Kirche“ im Kloster Schönstatt, Vallendar, der für die Drucklegung um weitere Beiträge ergänzt worden ist. Lesenswert ist diese Buch nicht nur deswegen, weil es sich überhaupt mit dem Thema befasst, das sonst zumindest im theologischen Diskurs allenfalls am Rande behandelt wird, sondern reizvoll ist die Lektüre vor allem auch deswegen, weil in diesem Band Beiträge von Theologen, Kunsthistorikern, Denkmalpflegern und Architekten versammelt sind und gerade diese Multidisziplinarität den Horizont für mich als Leser geweitet hat.

Ausgangspunkt ist in einer Reihe von Beiträgen die Wahrnehmung der finanziellen Notsituation in den Kirchen, die vielerorts Kirchenschließungen oder gar Kirchenabrisse notwendig erscheinen lässt. Als Problem wird dabei in vielen Beiträgen benannt, dass „der Wert einer Kirche … sich nach dem Grundstückswert minus Abrisskosten“ (11 – dort als Zitat von Heinz-Peter Heidrich) bemesse. Andere Dimensionen seien damit völlig ausgeblendet, etwa die gesellschaftliche Funktion eines Kirchgebäudes, die Wirkung einer Kirche als „Markenzeichen“ (17), das heilige Gegenüber, das ein Kirchgebäude inmitten einer profanen Welt darstelle, oder der rein optische Orientierungswert, den eine Kirche biete.

Einer der Herausgeber, Ludwig Tavernier, sieht in der derzeitigen Entwicklung ein kunsthistorisches Novum. Während die Architekturgeschichte durchaus Umnutzungen, konstruktive Abrisse (Abrisse zugunsten eines Neubaus) oder Abrisse gegen den Willen der Kirche kenne, sei die Aufgabe von Kirchgebäuden durch die Kirche selbst in früheren Jahrhunderten nicht nachweisbar. Hierbei handele es sich letztlich
um ein Phänomen der „Autosäkularisation“ (32).

Besonders anregend habe ich die Lektüre des Buches an den Stellen wahrgenommen, an denen ich mit ungewohnten Gedankengängen konfrontiert wurde. Das Verbot, eine Kirche einer anderen Religionsgemeinschaft, etwa dem Islam zu übergeben, stellt sich dem Istanbul-Reisenden, der mit Dankbarkeit von einem Besuch aus der „Hagia Sophia“ zurückkehrt, womöglich anders da. Gerade die Weiternutzung als Moschee hat dieses Bauwerk (inklusive seiner christlichen Kunst und dem
Johannesgrab) gerettet. Wäre ein Abriss tatsächlich die gebotene Alternative gewesen zur (zugegebenerweise zwangsweisen) Umnutzung durch den Islam? Oder noch einmal in einer etwas anderen Fragestellung: Spricht eine kommerzielle Nachnutzung einer Kirche, etwa als Drogerie- oder Supermarkt, nicht ebenfalls eine deutlich religiöse Sprache, nämlich die Sprache des Sieges des Kapitals über den Glauben?

Dass es durchaus ganz unterschiedliche Möglichkeiten für die Nachnutzung eines Sakralgebäudes gibt, zeigt dieser Band ebenfalls auf: als Kirche mit integriertem Gemeindezentrum, als Grabeskirche (mit einer Begräbnisstätte für Urnen), als multireligiöser Gebetsraum, als Gesamtkunstwerk im Zusammenhang mit einem Kirchengarten, ja selbst noch als verfallende Ruine.

Die theologische Reflexion tritt dabei in den meisten Beiträgen eher etwas zurück, sodass die einzelnen Beiträge für kirchliche Handlungsträger vor allem als Anregungen für Diskussions- und Entscheidungsprozesse dienen können, die dann am Ende aber eben doch auch theologisch verantwortet sein wollen. Gerade deswegen empfehle ich aber diesen Band, in dem dankenswerterweise am Ende auch die entsprechenden Arbeitshilfen der Deutschen Bischofskonferenz und der VELKD dokumentiert sind, all denjenigen, die sich auf kirchenleitender Ebene oder vor Ort mit dem Thema zu befassen haben.

In den Entscheidungsprozessen, die ich mitzuverantworten hatte, hätte ich dieses Buch gerne schon zur Hand gehabt. Ob die Entscheidung zum Kirchabriss in dem mich betreffenden Fall anders ausgefallen wäre, wage ich zu bezweifeln. Aber mich hätte dieses Buch sicherlich ermutigt, noch umfassender die lokale und gesellschaftliche Öffentlichkeit in die Diskussion über die Weiternutzung oder den Abriss dieser Kirche einzubeziehen.“

3 Kommentare zu “BUCHSCHAU

  1. Pingback: Die unendliche Geschichte: Kirchenschließungen | ARCHBLOG

  2. Pingback: Kirchturm = Minarett? | ARCH BLOG

  3. Pingback: Wat fott es, es fott | ARCH BLOG

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s