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„Unsere Gebäude kommen nackt auf die Welt, als skulpturale Volumen. Dann überziehen wir sie mit ornamentalen Hüllen.“ (Willem Jan Neutelings)

Hand werfen – neue flämische Architektur

Von Kali, der indischen Göttin mit zehn Armen, hat man schon gehört, nicht aber von einem Haus mit dreitausend Händen. Mitte Mai wird in Antwerpen ein solches Haus, das „Museum aan de Stroom“, kurz MAS genannt, mit einer Fassade aus rötlichem indischem Sandstein nun für Besucher eröffnet.

Der Name der Stadt Antwerpen soll der Überlieferung nach von „Hand werpen“ herrühren. Die Legende erzählt, ein Riese hätte einst von den vorbeifahrenden Schiffen Zoll verlangt und falls sie nicht zahlten, habe er den Schiffern eine Hand abgehackt. Ein gewisser Silvius Brabo habe den Riesen dann im Kampf besiegt und dessen abgehackte Hand in die Schelde geworfen.

Auf diese Legende um die Stadtgründung Antwerpens bezieht sich das Haus der dreitausend Hände. Es steht im Zentrum Antwerpens, im alten Hafengebiet, das z. Zt. in einem ambitionierten Redevelopment-Programm wiederbelebt wird. Als signifikantes Zeichen für eine neue dynamische Stadtentwicklung steht nunmehr das MAS, ein 65 m hoher Bau aus übereinander gestapelten Blöcken mit abgestuften Steinfronten im Wechsel mit gläsernen Partien. Decken, Böden sowie Innen- und Außenwände tragen rote Sandsteinplatten, die an der Fassade durch die Hände aus Aluminium zusätzlich nobilitiert werden. Auf diese Weise erzählt die Fassade als architecture parlante etwas über den Genius loci.

Architekten des 20.000 m² großen Museumbaus für Stadtgeschichte sind das Baumeister-Duo Willem Jan Neutelings und Michiel Riedijk mit Büro in Rotterdam. Früher einmal habe ich über diese Architekten gelesen, dass wenn man ein Gebäude bei Neutelings-Riedijk bestellt, man ein Wahrzeichen erhält – sinnlich und unübersehbar. Willem Jan Neutelings erklärte bei der Baustellenbesichtigung: „Wir gehen vom Totalvolumen aus, von der vollen Masse. Wie ein Bildhauer aus einem Granitblock hauen wir uns die gewünschte Form heraus. Mit Anorexia-Bauten haben wir nichts am Hut, unsere Werke sind wie Rubens-Frauen.“ Tatsächlich wirkt die 30 Mio. EUR teure Architektur des MAS füllig und schwer.

In zehn großen Boxen sind Exponate zu verschiedensten Themen zu sehen. Während der Besucher in den geschlossenen Boxen der Ausstellung die Geschichte Antwerpens studieren kann, liefert ihm ein um alle neun Stockwerke laufender verglaster Umgang Ausblicke auf das Hier und Heute von Antwerpen. Die gewellte Verglasung wirkt wie ein Vorhang.

Das MAS ist Programm und Kultur als Urbanisierungsfaktor: Es soll Foyer sein für offizielle Empfänge und Feierlichkeiten und gleichzeitig ein Forum für öffentliche Debatten über aktuelle Themen und ‚Hot Items’. Antwerpen soll sich mit architektonischen Kunstwerken wieder zu einer der bedeutendsten und lebhaftesten Metropolen Europas entwickeln, wie einst als wohlhabende kunstsinnige Kaufleute wie Fugger und Medici Dank Ihrer Niederlassungen zur Blüte der Stadt beitrugen.

Eine Exkursion mit Studenten/innen in die Rubens-Stadt ist schon geplant. Nicht weit entfernt vom MAS befindet sich im Übrigen der großartige Grote Markt mit seinen prunkvollen Zunfthäusern aus dem 16./17. Jahrhundert, wo auch der Brunnen zu Ehren des tapferen Brabo steht.

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