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Düsseldorf: Theater neben drei Scheiben


Am letzten Freitag lief im Düsseldorfer Schauspielhaus die Uraufführung des sehenswerten Bühnenstücks der Autorin Juli Zeh: „203“. In diesem spannenden, satirisch inszenierten Zeitstück, das ich nur empfehlen kann, geht es um Identitätskonflikte, Fremdbestimmtheit, Sicherungsverwahrung und Freiheit.

Den Architekten interessiert natürlich nicht nur die Handlung der politisch-kritischen Gegenwartsdiagnose, sondern auch die Architektur: Das Schauspielhaus wurde 1969 von dem Architekten Bernhard Pfau fertiggestellt. Die Grundrissdisposition weist eine kurvenreiche Linienführung auf; der skulpturaler Baukörper, in der Höhe gestaffelt, ist eingeteilt in ein großes Haus mit ca. 900 Zuschauerplätzen und ein kleines Haus mit fast 300 Plätzen. Hinter der geschwungenen, weißen Blechverkleidung der Fassade befinden sich auch das Bühnenhaus, das den höchsten Teil des Bauwerks darstellt, die Hauptbühne sowie weitere Nebenbühnen. Etwas hilflos wird dieser biomorphe Bau am Rande des Hofgartens wegen seiner organisch-abstrakten Formensprache, die sich an der Metamorphose, an den Wandlungsprozessen der Natur orientiert, als „organische Architektur“ kategorisiert.


Direkt neben dem Schauspielhaus am Gustav-Gründgens-Platz befindet sich als weiterer Repräsentant der Nachkriegs-Moderne in Deutschland das Drei-Scheiben-Hochhaus der ehemaligen Fa. Thyssen. Der plastische Architekturkörper des Schauspielhauses mit seiner außergewöhnlichen Optik wurde zusammen mit dem eleganten Drei-Scheiben-Hochhaus zum signifikanten Wahrzeichen Düsseldorfs.

Die geschwungene Architekturskulptur des Schauspielhauses kontrastiert – bis heute – wunderbar mit der kühlen Eleganz des Dreischeibenhauses 

Für den Entwurf des 94 m hohen, heute leer stehenden Verwaltungsgebäudes war 1959 mein ehemaliger Professor an der TH Aachen Fritz Eller (im Büro HPP Hentrich-Pettschnigg & Partner) maßgeblich verantwortlich. Aus dem gleichen Architekturbüro stammen übrigens auch die Pläne für das Bayer-Hochhaus in Leverkusen, über das ich in meinem Blog bereits geschrieben habe. Mehr: https://herrmanns.wordpress.com/2011/03/23/baukultur-6/

Denkmalgeschütze Ikone, 26 ober-/3 unterirdische Geschosse: Drei-Scheiben-Hochhaus in Düsseldorf  (links vom Hofgarten aus gesehen, rechts vom Gustav-Gründgens-Platz)

Beide Hochhäuser in Düsseldorf und Leverkusen sind nunmehr ungenutzt, funktionslos und leer stehend. Diese megalomanen Repräsentationsbauten der 60er Jahren standen als Symbole für den Wiederaufbau und den unverbrüchlichen Glauben an beständiges Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit in Westdeutschland. Fünf Jahrzehnte später sind die Konzerne Bayer und Thyssen zerschlagen. Nur die markanten Gebäude erinnern an die Zukunftsgläubigkeit und den wirtschaftlichen Optimismus jener Jahre. Diese Architektur der 60er wollte Orte im Stadtbild mittels überdimensionierter Großformen markieren, die auch noch meist als völlig schmucklose Funktionsbauten daherkamen. Geschuldet war diese konstitutive Architekturauffassung dem Bedürfnis nach Abgrenzung zum unmittelbar Vergangenen und Hinwendung zum Neuen, der Architektur der emergenten Großstädte in Amerika.

Man löste sich vom tradierten Stadtbild und wollte keinesfalls einen Wiederaufbau auf den alten Fundamenten. Nach der damaligen Auffassung sollten die Städte vor allen Dingen autogerecht und somit zukunftsfähig werden. So ist auch zu erklären, dass Anfang der 60er Jahre eine mehrspurige Hochstraße, der sog. Tausendfüßler, gebaut wurde, die mitten in der Düsseldorfer City direkt am Thyssen-Hochhaus vorbei führt und radikal den Komplex Thyssen-Hochhaus/Schauspielhaus von der Düsseldorfer Altstadt abtrennt. Diese stadtplanerischen Vorstellungen sind typisch für die damalige Zeit und Grund dafür, dass viele Gebäude der 60er Jahre oft beziehungslos als Inseln im urbanen Kontext erscheinen.

Siehe auch:

https://herrmanns.wordpress.com/2010/07/19/baukultur-3/

Asbest-Sanierung des Großen Hauses mit 900 Zuschauerplätzen

Hinter den Kulissen

3 Kommentare zu “Moderne Architektur

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