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Jörg Immendorff

In Anbetracht dessen, dass die z. Zt. laufende Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg Immendorff/Lüpertz – Sammlung MAP heißt, mag es vielleicht erstaunen, dass die parallel zu Immendorff präsentierte auratische Kunst von Markus Lüpertz hier in meinem BlogBeitrag keine Erwähnung findet. Das hat damit zu tun, dass mein Interesse an dem exzentrischen Künstler Immendorff gerade wieder geweckt worden ist durch eine kürzlich erschienene Biographie, verfasst von HP Riegel, einem ehemaligen Assistenten, der Immendorff grob zeichnet und mit ihm polemisch abrechnet.

Sowohl Immendorff als auch Lüpertz waren Professoren an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie und Persönlichkeiten, die wegen ihres egozentrischen Auftretens und ihres extravaganten Lebensstils auch als „Malerfürsten“ bezeichnet wurden. Das Medieninteresse an Jörg Immendorff  galt aber in den letzten Jahren weniger seinem künstlerischen Werk als vielmehr den von der Boulevardpresse ausgebreiteten Details über Kokainbesitz und Orgien mit Prostituierten. Nach Immendorffs Aussage waren diese Partys als „erotische Inszenierungen“ zu verstehen. Deswegen stand Immendorff vor Gericht und mit ihm auch die Freiheit des Künstlers anders zu leben als Otto Normalverbraucher.

Café de Flore, 1992

Die Biografie von HP Riegel, seinem ehemaligen Assistenten, über den monomanen Künstler, lässt kaum ein gutes Haar an Immendorff, versucht ihn zu demontieren und entmythologisieren. So behauptet Riegel in seinem Buch, dass Immendorff keine originären Ideen gehabt hätte, sondern stets aus der Kreativität anderer geschöpft habe, z. B. von seinem Meister Joseph Beuys oder von Max Ernst für sein Werk „Café de Flore“. Angeblich habe Immendorff lebenslang an seinem Mangel an Talent und unter der Konkurrenz seiner Künstlerkollegen Richter, Baselitz oder Polke gelitten. Stets sei Immendorff bemüht gewesen, seine eigene Person medial zu popularisieren. Auch sei sein politisches Interesse hauptsächlich opportunistisch motiviert gewesen und später mit seinem geschäftlichen Erfolg vollkommen erloschen. Der 2007 verstorbene Immendorff kann sich nicht mehr wehren, weshalb die Biografie mit kritischer Distanz gelesen werden sollte. Man wird den Eindruck nicht los: Wer Assistenten hat, braucht keine Feinde mehr.

Lidlbaby mit Blume, 1965 (Foto: Hubert Auer © VBK, Wien, 2011)

Jörg Immendorff wollte sich als politischer Künstler verstanden wissen. Seine Arbeiten sind gleichermaßen plakativ wie symbolisch aufgeladen; denn für ihn war Kunst Mittel zur öffentlichen Einmischung und Agitation. Wie Beuys hat er den Radius der Kunst erweitert: auf der inhaltlichen Ebene, indem er Kunst benutzte, um gesellschaftliche und politische Idiosynkrasien zu kommentieren. Seine Karriere beginnt Ende der sechziger Jahre, als Immendorff das Nonsens-Wort „Lidl“ ersinnt, lange bevor es den gleichnamigen Discounter gibt. Unter dem Namen Lidl werden Kunstaktionen veranstaltet, die Gesellschaft und Politik parodieren.

Einheit, 1993 (Foto: Hubert Auer © VBK, Wien, 2011)

Angeregt durch Renato Guttusos Gemälde „Café Greco“, entsteht in den Jahren zwischen 1977 und 1983 die Gemälde-Serie mit dem sentimentalen Titel „Café Deutschland“. Dieser Zyklus großformatiger Historiengemälde, in dem Immendorff Geschichte inszeniert wie im Theater, stellt seinen Beitrag zur politischen Debatte dar. Damit prangert er mystifizierend die Teilung Deutschlands an und malt seismografisch Bilder, die ein Dokument der Zeitgeschichte darstellen, womit er zum Vertreter einer neuen Historienmalerei wird. Die Suche nach der Verbindung von Kunst und Politik ist hier am deutlichsten greifbar.

Café Deutschland-Heuler, 1992

Seit 1985 taucht in Immendorfs künstlerischer Produktion das Motiv des Affen auf, und zwar in unterschiedlichen Größen und Formen sowohl in seinem plastischen als auch in seinem malerischen Werk. Mittels des allegorischen Motivs des Affen – einer bereits in der Antike von Aristoteles (384–322 v. Chr.) verwendeten Künstlermetapher – setzt er sich mit der Rolle des Künstlers auseinander und wendet sich gegen das bloße „Nachäffen“ der Natur. Immendorf beschreibt mit dieser Relativierung der Malerei sein Selbstverständnis als Künstler und bekräftigt somit auch die Auffassung von Paul Cézanne, einer der malenden Leitsterne der Moderne: Der Künstler soll mehr sein als nur ein nachahmender Affe.

Fortuna, 2004 (Foto: Hubert Auer © VBK, Wien, 2011)

In seinen späteren surrealistisch anmutenden Werken, so auch vor allem in „Fortuna“ aus dem Jahr 2004, in dem sich eine Frauenfigur auf Stützen und Kugeln fortbewegt, nimmt er Bezug auf seine Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), die ihn lähmt und an den Rollstuhl fesselt.

Lidlbabys

Die künstlerische Kraft, die von Immendorffs Gemälden und Skulpturen ausgeht, wird besonders deutlich, wenn man die Gelegenheit hat, die Werke im Original zu betrachten. Noch bis zum 03.07.11 hat man die Möglichkeit, das Ansinnen dieses international anerkannten Künstlers im MdM Mönchsberg in Salzburg zu sehen und zu begreifen.

5 Kommentare zu “Immendorff in Salzburg

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