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„Architecture is an art in search of ever new expression of the human soul. It is a human art, but never human enough.“ (Zvi Hecker)

Die neue Synagoge in Mainz


Synagogenarchitektur ist auch Memorialarchitektur

Der expressive Synagogen-Neubau in Mainz war gestern das Ziel der Mitglieder des Vorstandes und der Vertreterversammlung der Architektenkammer Rheinland-Pfalz bevor man sich in der nahegelegenen Landesgeschäftsstelle zur Sitzung zusammensetzte.

Dieses neue, erst kürzlich eingeweihte jüdische Gemeindezentrum basiert auf einem Wettbewerbsentwurf aus dem Jahr 1999 von Manuel Herz, einem ehemaligen Mitarbeiter von Daniel Liebeskind. Obwohl das jeweilige figurative Erscheinungsbild dieser beiden Bauobjekte sehr unterschiedlich ist, kann eine gewisse Verwandtschaft zwischen der Mainzer Synagoge und dem Jüdischen Museum in Berlin nicht verleugnet werden. Zumindest in der unorthodoxen Architekturauffassung kommt die Synagoge der Bau-Ikone der avantgardstisch-dekonstruktivistischen Architektur und deren aus der Linguistik entlehntem Etikett sehr nah.

Der Entwurf zitiert die hebräische Schrift und bildet das Segenswort „Kadushah“ nach

Die neue Synagoge heilt die Stelle, an der 1938 der Vorgängerbau von den Nazis in ihrem xenophoben Rausch niedergebrannt worden ist, woran Spolien vor dem Haupteingang erinnern. Die ausdrucksstarke und mutige Formensprache des Neubaus mit seiner geriffelten Fassade aus grün glasierter Keramik kennzeichnet seine exaltierte Architektur und kann zugleich als Stadtreparatur aber auch als bemerkenswerter Beitrag zur Gegenwartsarchitektur angesehen werden.

Der Synagogenbau präsentiert sich in einer Formensprache, die Vokabular und Syntax der zeitgenössischen Architektur sublimiert

Die Regeln normativen Bauens sind hier außer Kraft gesetzt worden. Die enigmatische Neufiguration entstand nicht aus dekonstruktivistischer Fabulierlust; vielmehr verleihen fünf abstrahierte hebräische Buchstaben der neuen Synagoge ihre abstrakte, gezackte Silhouette: „Kedushah“ bedeutet so viel wie erhöhen. So wird die Grenze der konventionellen Bildsprache gesprengt und der unendliche Raum der Assoziationen eröffnet. Die Sprache wird hier buchstäblich zur Bauform; das Wort wird zur Architektur und untermauert ontologisch ihre religiöse Symbolkraft. Nicht nur in der Kunst finden zunehmend lyrische Sprachspiele mit unterschiedlichen textuellen Valenzen Verwendung, sondern auch in der Architektur. Auch hier nehmen kryptische Textbotschaften als epische Applikationen eine signifikante Relevanz ein. Damit entwickelt sich eine neue bildhafte Ausdrucksform. Textbotschaften werden als grafische Signifikanten gebaut, legitimiert durch die Sprachphilosophie des Judentums.

Eine Synagoge ist nicht – wie im normalen Sprachgebrauch – nur ein Ort des Gottesdienstes, sondern auch der Versammlung, denn das griechische Wort „Synagoge“ bedeutet (sich) versammeln. Die neue Mainzer Synagoge bietet mehr als 400 Menschen Platz. Neben dem Bet-Saal, dem zentralen und auch optisch herausragenden Element, gehören auch Versammlungs- und Veranstaltungsräume zum Gebäudekomplex.

Die funktionellen Voraussetzungen, die den Innenraum einer jeden Synagoge prägen, finden sich auch im Mainzer Neubau wieder: Ein wesentliches Einrichtungsstück des Bet-Raums ist der nach Osten, gen Jerusalem, gerichtete Tora-Schrein, in dem die Tora-Rollen, Pergamentrollen mit dem Text der fünf Bücher Moses, verwahrt werden. Die Tora-Lesung findet auf der Bima genannten Plattform statt. Die sogenannte Frauen-Empore (in liberalen Gemeinden ist die Geschlechtertrennung aufgehoben) gliedert den Raum unter dem riesigen Lichttrichter. Die Wände und Decken des Bet-Raums haben eine goldfarbene Stukkatur erhalten und ein eigenartiges Palimpsest. Sie sind mit hebräischen Buchstaben übersät, die sich an einigen Stellen lichten und Zitationen hervortreten lassen. Ansonsten kommt der in strenger Schlichtheit entworfene Bet-Raum an der Ostseite des Baukomplexes ohne weitere Ornamentierung oder sonstige dekorative Details aus, was zur monumentalen pathetischen Raumatmosphäre beiträgt und zur intendierten sakralen Wirkung.

Die von außen mit den konzentrischen Rillen der keramischen Fassade determinierten Fenster muten von innen aus gesehen oft seltsam an, erscheinen fragwürdig gesetzt und tragen nicht unbedingt zur „Erhöhung“ oder wenigstens einer vernünftigen Belichtung der Räume bei. Gewöhnungsbedürftig erscheint auch oftmals die gefaltete Deckengeometrie der Räume im Obergeschoss, die die Raumwirkung beeinträchtigt. Diese Nachteile im Innenbereich sind der skulpturalen, expressiven Bauform und Zeichenhaftigkeit der Architektur geschuldet.

Kein monolithischer Baukörper, sondern Gliederung der Baumasse in additiv gefügte Einzelteile, die einen Innenhof umschließen

Eine spezifisch „jüdische“ Baugestaltung hat sich in der zweitausendjährigen Geschichte der Synagogen – anders als im Kirchenbau – nicht entwickelt. So hat der israelische Architekt Zvi Hecker 1999 die Synagoge in Duisburg als einen Fächer aus freitragenden Betonrahmen konzipiert. Hermeneutisch betrachtet erinnern sie an die aufgeschlagenen Seiten eines Buchs oder an ausgreifende Finger einer Hand. Das hebräische Wort für Hand interferiert mit dem hebräischen Begriff „Erinnerung“. So entwickelte sich eine symbolisch deutbare skulpturale Konfiguration, die die ersten fünf Bücher Moses symbolisieren.

Ein anderes semantisches Beispiel zeitgenössischer Synagogen-Architektur ist die Münchener Synagoge aus dem Jahr 2006 von den Architekten Wandel-Hoefer-Lorch und Hirsch. Mit einem wuchtigen Bruchsteinsockel und einem daraus aufsteigenden Metall-Glas-Aufbau spielt die Synagoge mit Assoziationen des Stiftszelts, des Salomonischen Tempels und der Klagemauer.

Während eine große Zahl christlicher Kirchen in Deutschland aufgegeben werden, kann eine bemerkenswerte dynamische Neubautätigkeit bei den anderen beiden großen monotheistischen Weltreligionen beobachtet werden. Obwohl auch jüdische und muslimische Gemeinden in Deutschland unter Nachwuchssorgen leiden, bauen sie in jüngster Zeit mit großem Selbstbewusstsein neue spektakuläre Moscheen und Synagogen, die ihre religiöse Identität repräsentieren. Es handelt sich bei dieser unmittelbaren architecture parlante zumeist um qualitätsvolle Beiträge zur zeitgenössischen Architektur.

ein eigenartiges Palimpsest

Our yesterday destination was the expressive new synagogue building in Mainz. This new recently inaugurated Jewish Community Center is based on a design competition in 1999 by Manuel Herz, a former employee of Daniel Liebeskind. A certain relationship between the Jewish Museum in Berlin and the Mainz synagogue can not be denied, even if the figurative appearance of the two projects are very different.
The new synagogue heals the point where  the former building was burned by the Nazis in 1938. Spoils remember that terrible fact at the main entrance. The expressive and bold design language of the new building with its facade of corrugated dark green glazed pottery marks the exalted architecture and can also be considered as some kind of a city repair but also as a remarkable contribution to contemporary architecture.
Five abstracted Hebrew letters give the new synagogue of Mainz the strange abstract silhouette: „Kedushah“ means something like holy or blessed. The word was turned to architecture. Not only in art lyrical language games are used with different valences, but also in architecture. Here, too, a cryptic text message takes a significant relevance as an epic application and creates a new pictorial form of expression. Text messages are built as a graphic signifier.
A synagogue is not only a place of worship. The Greek word „synagogue“ means together. The new synagogue of Mainz offers place for more than 400 people. Besides the main room for prayers  there are meeting and event spaces in the building complex.
The functional requirements that define the interior of each synagogue, are also found in Mainz: An essential piece of furniture of the operating area is the east – to Jerusalem – addressed Torah shrine, where the Torah scrolls, parchments with the Text of the five books of Moses, are kept. The Torah reading takes place on the bimah platform. The so-called women’s gallery (in liberal communities there is no segregation of the sexes) divides the space under the huge light funnel. The walls and ceiling of the operating area have received a gold-colored stucco and are covered with Hebrew letters. Otherwise, the design is very simple. There is no ornamentation or any other decorative details, which contributes to the monumental pathetic room atmosphere.
The windows in the ceramic facade look from the inside often very strange and do not really increase the light in the rooms. The folded blankets of the rooms upstairs compromises the spatial effect. These disadvantages in the interior are due to the sculptural expressive design.


There has been no specifically Jewish building design in the last two thousand years. In 1999 the Israeli architect Zvi Hecker built the synagogue of Duisburg as a fan of cantilevered concrete frame – reminiscent of the open pages of a book or outreaching fingers of a hand. The synagogue has been developed as a symbolically interpretable sculptural configuration.


Another example of contemporary synagogue architecture is the Munich synagogue which was built by the architects Wandel-Hoefer-Lorch and Hirsch in 2006. With a massive stone base and a consequent rising metal and glass structure, the synagogue is playing with associations of the Tabernacle, the Temple of Solomon and the wailing wall.


While a large number of Christian churches are going to be abandoned, a remarkable dynamic new construction activity can be observed in the other two great monotheistic religions. Although Jewish and Muslim communities are suffering recruitment problems in Germany, they built recently, with great self-confidence new spectacular mosques and synagogues, representing their religious identity. These are mostly high-quality contributions to contemporary architecture.

5 Kommentare zu “Synagogenbau

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