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Yes we are

Ehemalige Friedrichstraßen-Passagen in Berlin:  eine gläserne Passage führte vom Eingangsportal  zum Kuppelraum

Dem stark heruntergekommenen, ruinösen Bau ist seine ehemalige wilhelminische Pracht kaum mehr anzusehen. Das Transparent „Yes we are“ an der Fassade des ehemaligen Kaufhauses demonstriert, dass sich der Künstlerverein Tacheles, der sich seit der Wende in den ehemaligen Friedrichstraßen-Passagen in Berlin Mitte eingenistet hat, immer noch dort befindet. Die Bezeichnung „Tacheles“ (von hebr. Taklî, jiddische Bezeichnung für Klartext) bedeutet, direkt und unverblümt die Wahrheit sagen, wie es in der DDR nicht möglich war.

Die einstmals elegante, von einem Stahl-Glasdach überspannte Einkaufspassage mit Geschäften, Restaurants, Vergnügungs- und Ausstellungsräumen sowie Büros verband die Friedrichstraße mit der Oranienburger Straße. 1909 wurde der Stahlbetonbau mit vorgeblendeter Kalkstein-Fassade im Stil des Historismus mit figürlichem Fassadenschmuck und zweigeschossigem rustiziertem Sockel fertig gestellt.

Der Bautyp Einkaufspassage, der im 19. Jahrhundert aufkam, entpuppte sich häufig als Fehlspekulation und führte dementsprechend zum finanziellen Ruin ihrer Besitzer. Auch hier ging der Bauherr kurz nach der Einweihung in die Insolvenz. Der darauffolgende Erwerber des Gebäudekomplexes, der Kaufhausbesitzer Wertheim, hatte wegen des beginnenden 1. Weltkrieges kein Glück mit dieser Investition und ging 1914 ebenfalls in die Insolvenz. Im Laufe der Jahre wechselten die Besitzer mit den Machtverhältnissen. In den 30er Jahren zog die NSDAP ein, im 2. Weltkrieg wurde das Gebäude durch Bomben beschädigt. Nach dem Krieg wurde die DDR Besitzer des Anwesens.

Wegen Baufälligkeit wurden 1980 Teile des Gebäudes abgerissen. Als 1990 der endgültige Abriss drohte, besetzten engagierte Künstler das Restgebäude, gründeten den Kunstverein Tacheles und erhielten sogar eine öffentliche Förderung. 1998 wurde der noch existierende Flügel der Passage an eine Investorengruppe verkauft, die aber ihre Pläne nicht realisieren konnte.

In diesem heruntergekommenen Gebäude agiert weiterhin auf über 1000 qm und dem dazu gehörigen Grundstück die Künstlergruppe Tacheles. Die selbstverwalteten über und über bemalten und beklebten Ateliers, Galerie-, Theater- und Kinoräume sowie die Kneipe bilden mittlerweile selbst ein Gesamtkunstwerk.

Die geplante Querfinanzierung durch Gastronomie funktionierte leider nicht, die städtische Förderung gibt es auch nicht mehr und so machen die nur mehr geduldeten Künstler einfach weiter, ein Tanz auf dem Drahtseil. Für sie ist es ein kreativer Ort künstlerischer Produktion, wo sie auch ihre Kunst präsentieren können. Und für den Besucher ist die trashige Kaufhausruine alles andere als eine schicke, abgeleckte Wohlfühloase wie vor 100 Jahren vorgesehen, sondern ein mutiger, spannender öffentlicher Kunststandort und Anti-Kunstmarkt einer nicht-kommerzialisierten, heterogenen, subversiven Kultur, deren Verlust ohne Zweifel als sehr schmerzlich empfunden würde.

Kunstwerke, die mit dazu beitragen eine einzigartige und berauschende Atmosphäre zu schaffen.


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