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Eine gusseiserne Basilika: Die Sayner Hütte

Industriedenkmal  Gießhalle der Sayner Hütte

Die Bundesingenieurkammer wird Ende August 2010 die historische Gießhalle der Sayner Hütte in Bendorf aus dem frühen 19. Jahrhundert als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ auszeichnen.

Die 1830 von Carl Ludwig Althans (1788 – 1864) fertiggestellte Gießhalle basiert auf der tradierten basilikalen Bautypologie der dreischiffigen Sakralarchitektur. Gleich einem Hochaltar wurde der Hochofen in der Apsis positioniert. Offensichtlich sollte durch diese symbolische Überhöhung die industrielle Arbeit mit den Mitteln der Architektur nobilitiert werden. (Die Überhöhung der Arbeit durch Architektur lässt sich über die Saline von Claude Nicolas Ledoux aus dem 18. Jahrhundert und die Fabrikschlösser des 19. Jahrhunderts bis zur Turbinenhalle von Peter Behrens verfolgen.)

In Form und Detail wurde die filigrane Hallenkonstruktion durch das verwendete Baumaterial, nämlich Gusseisen, determiniert. Die Sayner Halle war der erste Industriebau der Welt, dessen Tragkonstruktion allein aus dem damals im Bauwesen neuen Baustoff errichtet wurde. Gusseisen kann Druckkräfte aufnehmen, dem Material sind aber durch seine mangelnde Zug- und Biegesteifigkeit Grenzen gesetzt. Gusseiserne Säulen tragen im Inneren der Halle Fachwerkträger in Längsrichtung. Sie bilden die Auflager für die geschwungenen Korbbinder, die bis zum Boden laufen. Das Dach über dem Mittelschiff wird von spitzbogig geformten Bindern gehalten, die mit dem Korbbindern verbunden sind. Die imposante verglaste Westfassade mit gusseisernen Rippen in Kreissegmenten ist nicht nur das Resultat ästhetischer Überlegungen, sondern auch dem Kräfteverlauf geschuldet und so werden die Lasten vertikal abgeleitet.

Der bau- und kunstgeschichtlich bedeutende Industriebau sollte eigentlich wegen seines ruinösen Zustandes nach stetigem Verfall bis in die 70er Jahre abgerissen werden. Glücklicherweise wurde die bereits erteilte Abbruchgenehmigung für diese Inkunabel des modernen Bauens nicht umgesetzt, eine nachhaltige Umnutzung des Bauwerks ist jedoch nach wie vor nicht in Sicht. Denn bei aller über die Zeit bewiesenen Funktionalität des für den Bau dieser Halle benutzten Werkstoffs erweist es sich als problematisch, ein den heutigen Anforderungen entsprechendes akzeptables Raumklima zu schaffen, ohne den Innenraum durch Dämmmaßnahmen zu verunstalten.

Architekturstudenten/innen der Hochschule Koblenz haben in der Vergangenheit bereits mehrfach Entwurfsvorschläge und Machbarkeitsstudien für die im Landkreis Mayen-Koblenz entlegen situierte Sayner Hütte erarbeitet. Ein Investor hat sich leider noch nicht gefunden und der Eigentümer, die Stadt Bendorf, kann die Revitalisierung eines solches Projektes nicht leisten.

Paulgerd Jesberg (Architekt) schrieb zur Althanssche Gießhalle, die ihre Bedeutung der Konstruktion und dem verwendeten Werkstoff verdankt: „In dem Bau der Sayner Hütte konzentriert sich ein humanistisches Bildungspotential, das in der Lage ist, das Neue in den Zusammenhang mit der Geschichte zu stellen. Dabei wird eine Sprachfähigkeit herausgebildet, die wesentliche Aussagen über den Werkstoff selbst, über das Tragwerk und dessen Ausdrucksmöglichkeiten gibt, gleichzeitig eine Bildsprache entwickelt, die allgemein verständlich ist und Mitteilungen von wesentlichen Inhalten macht, die sonst verborgen bleiben würden.“

3 Kommentare zu “Ingenieurbaukunst

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Herrmanns,

    wir haben uns soeben gemeinsam Ihren Blog angeschaut und bedanken uns sehr herzlich für den tollen Beitrag über die Sayner Hütte.
    Diesen werden wir natürlich an alle Interessierte weiterleiten.

    Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag und verbleiben

    mit freundlichen Grüßen aus Bendorf

    Nancy Parac-Braun
    Stadtverwaltung Bendorf
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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  2. Hallo Herr Prof. Herrmanns,
    vielen Dank für den Blog-Hinweis!
    Die Gießhalle selbst wird ein „kaltes“ Denkmal bleiben. Nach einer statisch notwendigen Teilsanierung des Tragwerks und einer Niveaureduzierung des Hallenbodens auf Ursprungshöhe werden hier in Zukunft jährlich höchstens 6-8 temporäre und hochkarätige Events stattfinden, die keiner dauerhaften baulichen Veränderung bedürfen. Ein ggfs. aufkommender Nutzungsdruck soll auf die hierfür viel leistungsfähigere Krupp´sche Halle gelenkt werden, die ebenfalls auf ursprünglichen Zustand zurückgebaut und mit Infrastruktur ausgestattet wird.
    Übrigens: als erster Bauabschnitt werden die Freianlagen zwischen Gießhalle und Krupp´scher Halle neu gestaltet. Die Ausschreibung läuft, noch diesen Sommer ist Baubeginn.
    Für viele weitere Schritte gibt es bereits Planungen und Konzepte, jedoch fehlt derzeit eine umfassende finanzielle Grundlage, die nur durch das Land zu leisten ist…
    Vielleicht trifft man sich ja im August in Sayn?
    Freundliche Grüße
    Stefan Baumgarten

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  3. Pingback: Tag des offenen Denkmals 2015 | ARCH BLOG

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